Kultur : Nach dem Terror: Tag der Tränen

Isabel Herzfeld

Nichts bleibt unberührt von den Erschütterungen dieser Tage. Dass auch die Musik anders geworden ist, nichts mehr von der etwas blasierten Zerstreuung besserer Kreise an sich hat, lässt sich jetzt erfahren.Wann hätte Mozarts "Requiem" je so bewegend geklungen, so voll von Wirklichkeit und doch über sie hinausweisend?

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Eigens ist René Jacobs zu dem Berliner Benefiz-Konzert angereist, das der RIAS-Kammerchor und die Akademie für Alte Musik dem "Dialog der Religionen" gewidmet haben. In der voll besetzten Gethsemanekirche, deren "Friedensgebete" schon zu Wendezeiten vieles bewegten, gedenken Juden, Muslime und Christen gemeinsam der Terroropfer und besinnen sich auf den Kern ihrer Religionen: Gewaltfreiheit. Und wäre der Anlass nicht so traurig und beängstigend, so ließe sich aus den Reden von Nadeem Elyas (Zentralrat der Muslime), Andreas Nachama (Jüdische Gemeinde Berlin) und dem evangelischen Superintendenten Rolf Wischnath ebenso Hoffnung schöpfen wie aus Mozarts Musik.

Ganz zart führen die ersten Bassschritte in die Totenklage hinein, von ungeahnt scharfen Posaunenrufen aufgestört, von den Peitschenhieben der ersten Violinfiguren zerfetzt. Mitten im Entsetzen des Todes, vom RIAS-Kammerchor mit unerbittlicher Stimmkraft getragen, leuchtet das "ewige Licht" in den schwebenden Tönen der jungen Sopranistin Annette Dasch. Nie erklang das "Dies Irae" wohl in gewaltigerem Furor eines schier unausführbaren, in höchster Präzsision gebotenen Tempos, das "Salva me" in ergreifenderer Ergebenheit, das "Lacrimosa" - Tag der Tränen - fast starr vor Schmerz.

Mit der Sopranistin ergeben Katharina Kammerloher, Werner Güra und Hanno Müller-Brachmann ein Solistenquartett von bestrickendem Schmelz. Das alles entwickelt René Jacobs aus einem ruhigen Puls heraus, der bei aller atemverschlagenden, brausenden, rasenden Klanggewalt die Figuren noch atmen lässt, in unendlicher Dynamikskala zarte Ruhepunkte setzt. Mit einer Inbrunst erklingt diese Musik der letzten Dinge - als wäre es zum letzten Mal.

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