Kultur : Nach den Taliban

So ungebildet, wie die Mädchen in Kabul und Kandahar sollten ihre eigenen Töchter nicht aufwachsen. Nein, die oberen Ränge der Talibankrieger schickten ihre Töchter fort aus der Bildungswüste, auf Internate im Ausland! Das erzählte Sima Wali, eine der wenigen weiblichen Delegierten bei den Afghanistan-Verhandlungen in Königswinter am Rande der Konferenz. Also wollten selbst die Taliban, auf ihre Weise, an den Segnungen der Globalisierung teilhaben. Englisch sollten die Töchter können, die Welt kennenlernen, und nicht nur zu Hause hocken und sticken.

Ausser Landes gebracht, gewissermaßen exportiert haben die Taliban auch ihre kriminelle Energie. Als globale Gotteskrieger operierten sie nicht nur in Kabul und Quetta, sondern auch in Daressalam und Nairobi, in Saudi Arabien und Hamburg - und schließlich, mit apokalyptisch gemeinten Terrorakten, in Washington und New York. Hierin, im globalen Operieren, betrieben die Taliban ein verzerrtes Mimikry gegenüber den großen, multinationalen Netzwerken der Konzerne. Deren Lobbyarbeit auf Weltkonferenzen wird wiederum von einem weiteren globalen Phänomen begleitet: den protestierenden Gipfeltouristen von Seattle bis Genua. Ganz gleich aber, ob Gegner, Nutznießer oder Trittbrettfahrer weltweiter Netze, sie alle führen vor Augen, dass keine Weltregion mehr isoliert betrachtet - und nicht mehr isoliert werden kann.

In Königswinter am Rhein verknüpften sich erstmals auf einer Krisen-Konferenz, Geschehnisse auf mehreren Kontinenten - Amerika, Afrika, Europa, Asien - und mündeten in den Versuch, ein der Anomie überantwortetes Land Zentralasiens mit gemeinsamer, global verantwortlicher Anstrengung einzufügen ins Netzwerk der Welt, aus dem die Taliban ihr Territorium - nicht sich selbst - lösen wollten. Besser als am Beispiel dieser UN-geleiteten Konferenz lässt sich kaum begreifen, was die Schönheit der Globalisierung ausmacht. Denn wenn ihre dunkle Seite "internationaler Terror" oder Sweatshops heißt, heißt die andere globale Verständigung.

Vielleicht war es erst der Schock des Septembertages, der eine Ahnung von einer globalen Solidarität geschaffen hat, ganz gegen die Intention der Terroristen. Eine Ahnung von dieser Entwicklung, deren Hoffnungsträger die Uno ist, bekamen in Königswinter auch über 1000 Journalisten. Noch nie hatten sie erlebt, dass Berichterstatter so großzügig und in spontaner Teambildung miteinander arbeiten, erklärten die Erfahreneren, von denen manche seit Jahrzehnten auf der Welt unterwegs sind. Globalisierung ist großartig. Es kommt nur darauf an, wie sie aussieht. Ihr bestes Gesicht ist: dass elementare Menschenrechtsverletzungen - an Frauen, Männern, Kindern - an keinem Ort der Welt mehr mit "kultureller" Eigenart, angeblichen Religionsgeboten oder machtpolitischer Ideologie mehr gerechtfertigt werden könne. Das ist ein Anfang.

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