Nach der Loveparade : Wir schalten um zur Trauerfeier

Eigentlich haben wir ja nicht mehr viel an größeren Wir-Gefühlen und verbindenden Gemeinschaftssinnen. Außer WM-Jubel (Fanmeile) und betroffenheitskollektiven Totenfeiern (Trauerfanmeile). Gedanken über öffentliche Anteilnahme.

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An der Unglücksstelle. Die Menschen kommen immer wieder in den Tunnel. um der Opfer der Loveparade zu gedenken. Foto: ddp
An der Unglücksstelle. Die Menschen kommen immer wieder in den Tunnel. um der Opfer der Loveparade zu gedenken. Foto: ddpFoto: ddp

Die ganze Woche musste man sich fragen, ob wir nicht alle verrückt geworden sind. Seit einer Woche überlege ich, ob ein Satz wie „Wir schalten nun um vom Stadion zur Trauerfeier“ nicht völlig wahnsinnig ist. Wie wird das weitergehen, schalten wir dann bald vom Stadion ins offene Grab, wenn wir unserer Logik und unserem Pegel für öffentliche Reize weiter folgen? Überhaupt: Trauer um Tote als Public Viewing?! Beim Fußball kann man das verstehen, man jubelt lieber zusammen oder erkennt lieber zusammen, dass Podolski doch besser hätte abspielen sollen, aber gehen wir jetzt seit dem Tod eines Torhüters und den Toten von Duisburg auch auf Trauerfanmeilen? Was ist überhaupt Trauer? Und ist öffentliche Trauer nicht eigentlich ein Widerspruch in sich?

Das Fernsehen hatte sich seinen Arbeitsplatz mitten auf dem Rasen des Duisburger MSV-Stadions eingerichtet. Der Tisch war einer der typischen Moderationstische, an denen man Experten befragt und zum Beispiel Johannes B. Kerner kurz vor dem Spiel mit Franz Beckenbauer spricht. Tisch auf Fußballrasen plus Moderator – es kamen dann aber Trauer-Experten, Panik-Forscher, DJs und Augenzeugen der Duisburger Katastrophe. Neben dem ARD- und WDR-Moderationstisch gab es noch Außenreporter für die Tribünen, ebenso vom ZDF, deren Redaktion „Hallo Deutschland Special“ sowohl im Stadion als auch in der Salvatorkirche war, wo die eigentliche Trauerfeier stattfand. Von dort übertrugen nicht nur das ZDF, die ARD und der WDR, sondern auch n-tv und N24, die ebenfalls einen „Trauerfeier-Stream“ im Internet anboten. Und nun wurde hin- und hergeschaltet zwischen Kirche und Stadion, zwischen der Trauerfeier und denen, die sie im Stadion im Public Viewing verfolgten oder kommentierten.

Dennoch war den Moderatoren und Kommentatoren weniger Trauer als mehr Enttäuschung anzumerken, denn sie standen vor fast leeren Rängen. Dabei hatte dieses Sendeformat schon einmal sehr gut bei der Trauerfeier für den Torhüter Robert Enke funktioniert, wo eine ganze Nation auf ein vollbesetztes Stadion in Hannover und auf einen Sarg im Mittelkreis sah.

Was aber war nun anders, warum blieb es den Sendern im Stadion versagt, erneutes Kapital aus der Rührung zu schlagen und Enke-Fernsehen zu machen? Anders gefragt: Dreißigtausend hatte man erwartet, aber wie konnten eigentlich eine Stadt und die gesamten Fernsehsender davon ausgehen, dass eine Woche nach einer öffentlich organisierten Massenpanik die Betroffenen erneut zu einer Veranstaltung laufen, die von der Stadt Duisburg organisiert wurde? Oder hatten die Menschen, die eventuell eine Woche zuvor Todesängste durchlitten, Verletzten halfen oder selbst andere niedertrampelten, jetzt einfach keine Lust auf ein Trauer-Event als Public Viewing? Gestern Robert Enke, Michael Jackson, Heidi Kabel, jetzt die Loveparade-Toten?

Angela Merkel hat im öffentlichen Fernsehtrauern schon richtig Routine, das ist auch ihr Job: die Winnenden-Toten, die Afghanistan-Toten, die Duisburg-Toten, es ist nicht immer einfach, öffentliche Trauer zwischen Bundesversammlung und Bayreuth zu empfinden, und niemand darf ihr daraus einen Vorwurf machen. Dennoch zwingt mich eine Live-Übertragung einer Trauerfeier zur Beobachtung. Ich nehme nicht wirklich teil und erlebe, sondern ich empfange inszenierte Bilder, was sollte ein Unterhaltungs- oder Informationsmedium (was mittlerweile dasselbe ist) auch anderes senden als inszenierte Bilder, die ich konsumiere und bewerte? Schläft Merkel oder schließt sie die Augen, um Stille für ein eigenes Gedenken zu finden? Hat die Frau des Bundespräsidenten nicht einen etwas zu kurzen Rock an? Fällt nicht überhaupt auf, dass sie neben der routinierteren Trauer der Kanzlerin nach dem angemessenen Gesichtsausdruck sucht? Was für ein Horror muss das für Frau Wulff sein, wenn sie fünf Sender dabei abfilmen, wie sie der Trauer Ausdruck verleiht und dabei auch noch gut aussehen muss? Zum Glück war der Trauergottesdienst wirklich schön, schlicht, sogar manchmal still, nur der Cellist trug mit seinem Mienenspiel zu dick auf, was aber offenbar der Bildregie aller Sender gefiel, nachdem man schon die Trauer einiger Angehöriger nicht abfilmen durfte.

Glauben wir mittlerweile, dass das, was nicht gesendet wird gar nicht existiert? Müssen wir also Trauer live übertragen, damit wir wissen, dass wir sie empfunden haben? Braucht es so etwas wie Gefühlsverstärker oder Sekundärgefühle, die nicht mehr selbst erlebt werden, sondern vom Fernsehen inszeniert werden, damit wir eine große Empfindung haben? Und um wen geht es bei dieser großen Empfindung?

Es gibt Angehörige der 21 Toten, die von der Trauerfeier erst aus der Zeitung erfahren haben. Es kann also sein, dass die Fernsehsender ihre Sendeplätze buchten, noch bevor die Angehörigen ihre Reisen buchen konnten. Viele der Eltern haben, wie man hörte, abgesagt. Vielleicht haben sie gespürt, dass es nicht nur um Empathie, um Mitgefühl, gehen könnte. Wer keine persönliche Einladung bekommt und von der Totenfeier für die eigenen Kinder aus der Zeitung erfährt, der kann sich nicht gemeint und im Gefühl anderer aufgehoben fühlen – zumal, wenn er eine Woche später nichts mehr über seine toten Kinder in der Zeitung liest, sondern nur noch über die Pensionsansprüche eines Bürgermeisters, der diese eventuell verlieren könnte und dann zu schlechteren Konditionen in der gesetzlichen Rentenkasse nachzuversichern sei, wenn er zurücktreten würde.

Wie fühlt es sich also für einen Angehörigen an, wenn sein persönliches Schicksal wie ein Kuchen aufgeteilt wird und plötzlich Millionen etwas angeht, die der Schmerz nicht betrifft? Empfindet er Ehre, Anteilnahme oder auch Ekel? Soll ihn eine Fernsehübertragung trösten und medial heilen, die Millionen mehr sentimental macht als trauernd wie ihn? Rauben ihm diese Millionen und das Fernsehen nicht eigentlich den persönlichen Abschied? Benutzen sie gar den fremden Tod, um durch einen verdaulichen Tod auf Distanz in den Bann gezogen zu werden?

Vom Trauerkuchen haben alle etwas: das Fernsehen, die Fotografen, die Magazine, die Zeitungen, die Kirche, vielleicht sogar der trauertragende Cellist. Und die Politik. Am meisten wohl diesmal die neue NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, deren ungewöhnliche Rede wie die von Theo Zwanziger bei Robert Enke zurecht überall im Internet gepostet und gelobt wurde, man wird noch sehen, was das in der SPD und bundespolitisch für Auswirkungen hat.

Und natürlich haben auch wir etwas vom Trauerkuchen: Trauer gebietet eigentlich Sprachlosigkeit, weil der Trost den Tod nicht mehr rückgängig machen kann. Es gibt keinen Trost, demnach müsste man eigentlich die Sprachlosigkeit und die Stille aushalten, wenn wir trauern. Doch wie soll das heute gehen: Sprachlosigkeit und Stille – und woher am Ende wissen, dass die Trauer stattgefunden hat? Nein, was nicht gesendet wurde, hat nicht stattgefunden! Also muss rund um die Uhr Trauer gesendet werden, nicht ein Sender, sondern fünf, nicht ein Fotograf, sondern 5000, nicht eine Kirche, sondern noch ein Stadion dazu mit Public Viewing und Moderatoren und Experten.

Woher kommt die Sehnsucht, ja, die fast perverse Lust, massenmedial zu trauern oder sentimental zu werden?

Eigentlich haben wir ja nicht mehr viel an größeren Wir-Gefühlen und verbindenden Gemeinschaftssinnen. Keine Montagsdemonstrationen, keine Demonstrationen gegen die organisierte Finanzkrise, keine größeren Protestmärsche bei den Klimakonferenzen, keine Anti-Afghanistankriegs-Bewegungen, keinen BP-Boykott, keinen Koalitionsboykott usw. Die Welt ist viel zu kompliziert geworden, um etwas Übersichtlicheres zu finden als demonstrativen, bierseligen WM-Jubel (Fanmeile) und betroffenheitskollektive Totenfeiern (Trauerfanmeile).

Und ich selbst bin mir am Ende unsicher, ob ich die Trauerfeier im Fernsehen nur angeschaltet habe, weil ich meinte, dass solch ein organisierter Tod wenigstens eine anständige Trauer-Öffentlichkeit braucht. Ich bin mir auch unsicher, ob ich die Trauerfeier nicht vielleicht deshalb auf mehreren Kanälen anschaltete, um darüber sprechen zu können. Auf jeden Fall hat Hannelore Krafts Rede alle gerührt; einerseits. Dass ich jedoch für meine eigene Empathie Hannelore Kraft brauche und am Ende kaum noch andere Bilder für eine Trauer finde als jene, die im Gefühls-TV präsentiert und für alle inszeniert wurden, ist bedenklich. Das Fernsehen stellt nicht Empathie her, es klaut sie, es betrügt die Menschen um ihr eigenes Gefühl.

Und eine weitere Frage ist, wie es weitergeht. Wenn Drogensüchtige etwas empfinden wollen, müssen sie die Dosis erhöhen. Wie ist das mit Jubel- und Trauersüchtigen? Werden zum Beispiel die Kinder von morgen an den Gräbern ihrer Angehörigen stehen und traurig fragen: Wo sind die Kameras, warum gibt es keinen Twitter von ObamaMerkelWulff? Und heute, zwei Wochen nach den Toten und eine Woche nach der öffentlichen Trauerfeier: Haben wir noch genug von der Dosis im Blut, um es noch nicht ganz vergessen zu haben?

Oder wird es in ein paar Wochen mit den Ereignissen von Duisburg so sein, als hätten wir Badeschaum an die Wand genagelt?

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