Kultur : Nach der Musik

Staatsopern-Dirigent Otmar Suitner ist tot

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Foto: Mike Wolff

Was sucht ein Tiroler 1960 ausgerechnet in der DDR? Für den gelernten Pianisten und Dirigenten Otmar Suitner gab es nur eine Antwort: Die Musik in ihrer von allen frühen Marktreflexen unangekränkelten Form (wobei man dem gebürtigen Innsbrucker kein allzu großes politisches Interesse unterstellen sollte). Der Eiserne Vorhang jedenfalls hatte konservatorische Qualitäten, und von diesen profitierte Suitner: Bei der Dresdner Staatskapelle, Wagners legendärer „Wunderharfe“, die er bis 1964 leitete, und später vor allem, von 1964 bis 1991 (mit einer vierjährigen Unterbrechung), als Generalmusikdirektor an der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Suitner genoss am ersten Haus der Republik exzellente Arbeitsbedingungen, sein Sonderstatus als Ausländer und international renommierter Künstler garantierte ihm und seiner Familie zudem das Privileg der Reisefreiheit. Gleichwohl ist er alles andere gewesen als ein Salonkommunist. Die DDR-Hymne hat er ein einziges Mal in seinem Leben dirigiert, und mit seiner Vorliebe für die „dekadente“ Zweite Wiener Schule dürfte er sich im sozialistischen Realismus ebenso wenig Freunde gemacht haben wie mit der Idee, die Preisgelder für seine DDR-Nationalpreise der Kirche und dem Wiederaufbau der Dresdner Silbermannorgel zu stiften.

Suitner, 1922 geboren, studiert in Innsbruck und am Salzburger Mozarteum (u. a. bei Clemens Krauss), als junger Musiker gibt er vor allem Konzerte als Pianist. 1952 wird er Musikdirektor in Remscheid, fünf Jahre später Generalmusikdirektor der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Wenngleich er einmal sogar Maria Callas begleitet, absolviert er eine eher stille Karriere. Erst mit seinem Schritt in den Osten ändert sich das. Nicht nur mit der Berliner Staatskapelle ist er in der ganzen Welt unterwegs, und von 1964 bis ’67 engagiert ihn Wieland Wagner für die Bayreuther Festspiele („Holländer“, „Tannhäuser“, der „Ring“). Wegen einer Parkinson-Erkrankung muss Suitner 1990 mit dem Dirigieren aufhören.

Suitner ist das gewesen, was man einen deutschen Kapellmeister nennt: handwerklich hoch solide, spätromantisch geprägt, uneitel. Seine Discografie ist reich, aber wiederum nie spektakulär, viel Beethoven, Brahms, Bruckner, Mahler und Mozart. 2007 hat der Filmemacher Igor Heitzmann, Suitners unehelicher West-Berliner Sohn, seinem Vater mit dem Dokumentarfilm „Nach der Musik“ ein Denkmal gesetzt. Darin wird eindringlich Suitners Existenz zwischen zwei Frauen und zwei Familien geschildert, zwischen Ost und West. Er habe eben niemanden verlassen können, heißt es fast lapidar. Am vergangenen Freitag ist Otmar Suitner 87-jährig in Berlin gestorben. Christine Lemke-Matwey

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