Kultur : Nach der Schule sitzen geblieben

Der Kopf geht tanzen: Die Dresdner Band Polarkreis 18 veröffentlicht ein kunstvolles Debüt

Kai Müller

Es ist noch gar nicht lange her, da spielten sie in Berlin vor 25 Leuten. Man kann nicht sagen, dass ihnen das nichts ausgemacht hätte. Jede Band spielt lieber vor 25 000 als vor 25 Zuschauern. Das ist auch bei den fünf Jungs aus Dresden nicht anders, die sich den kryptischen Namen Polarkreis 18 gegeben haben und in ihrer Heimatstadt stets ein großes, begeistertes Publikum finden. Obwohl Sänger Felix Räuber behauptet, ihre Musik sei nichts für den Massengeschmack, hofft er insgeheim natürlich genau das Gegenteil: Dass die Popkultur sich ihrer musikalischen Vision barmherzig zeigt. Und einmal hat das schon ganz gut geklappt. Da spielten sie wieder in Berlin, diesmal vor 1500 Leuten, aber es ging um mehr im Finale des „f6 Music Award“ – und es war gewiss nicht die Trophäe, die ein scheußliches Ding von der Form eines geknautschten Tausendfüßlers ist.

Gewonnen hat den Nachwuchswettbewerb dann eine Formation namens Demo. Sie steht noch immer ohne Plattenvertrag da, ist eine Hoffnung, die nur in den Köpfen der Musiker gärt. Als Zweitplatzierte haben es Polarkreis 18 glücklicher getroffen. Das vom ehemaligen Universal-Chef Tim Renner wiederbelebte Motor-Label, das energisch nach vielversprechenden Musikern Ausschau hält, beobachtete das Dresdener Quintett eine Weile und nahm es in die Riege der juvenilen Neuentdeckungen auf, zu der auch Hund am Strand und Super 700 gehören. Mit Letzteren verbindet Polarkreis 18 ein Faible für elegische Soundbilder und ausholende Spannungsbögen. Doch das am Freitag erscheinende Debütalbum ist von einer Fiebrigkeit, die weit über jugendlichen Geltungsdrang hinausreicht.

Nehmen wir „Somedays Sundays“, das mit dem Zirpen einer Festplatte beginnt, sich heranschleicht, dazu ein Bass, der die Akkorde mit der Endgültigkeit von Glockenschlägen definiert. Wenn der Beat einsetzt, geht der Kopf tanzen – und man hört eine Stimme, die sich unter dem Druck einer subtilen, inneren Erregung zu Worten nicht mehr durchringen kann. Sie bleibt ganz Farbe. Räubers wisperndes, heulendes, sich windendes Organ ist ein Instrument in dieser Band. Ständig machen Keyboards und Gitarren einander die Vorherrschaft streitig. Man weiß nicht so recht: Ist das nun eine Rockband mit viel Elektronik oder ein Elektro- Projekt mit E-Gitarren. Der Name jedenfalls geht auf eine Datei zurück, unter der sie eine Songidee abgespeichert hatten.

Tatsächlich versteht sich Räuber als Emotionsartist. Viele Songs hat er am Computer vorproduziert. Die englischen Texte sind Kolloraturen. „Wir sind ziemliche Nulpen in Englisch“, bekennt er, „das heißt, wir kriegen es nicht hin, da so irre anspruchsvolle Texte zu schreiben.“ Weshalb er das, was er sagen will, oft höchst beliebig als Assoziationsstrom aneinanderreiht und Worte ihrem Klang wegen aus einem Dictionary zusammensucht. Ungeachtet dessen sind ihm und seinen Mitstreitern, die sich zum Teil bereits aus Kindergartentagen kennen, ein paar mitreißende Songs gelungen. „Dreamdancer“ entrollt zum Auftakt das filmische Panorama, wuchtig und roh. Die Lieder fangen meist leise und geschmeidig an, um sich wie in „Crystal Lake“ zu einem Drama gegensätzlicher Stimmungslagen aufzuschaukeln. Bis zur infernalischen Wall of Lärm. Die ist ein spätes Echo auf die Anfänge der Band, als sich Räuber mit Philipp Makolis (Gitarre, Klavier), Christian Grochau (Schlagzeug), Uwe Pasora (Bass) und Bernhard Wenzel (Elektronik) unter dem Namen Jack of all Trades in Metal- und Punk-Gefilden tummelte. Später, nach dem Abitur sind die Jungs einfach zu Hause geblieben. Haben in ihren Zimmern an Soundtracks gebastelt.

Sicher, diese Unschuld hört man: Einige Effekte gehören zum Standardrepertoire des Postrock. So ist das rhythmische Cello-Riff in „Stellaris“ beinahe beschämend deutlich von The Notwist abgekupfert, und nicht nur bei „Look“ haben Radiohead als Vorbilder eingestanden. Auch erschreckt, wie stark das wehmütig-zarte Streicher-Arrangement in „After All, He Was Sad“ an Hans Zimmers Hauptmotive aus „Thin Red Line“ erinnert. Was soll’s? Selbst eine konventionelle Schmerzballade wie „Comes Around“ bohrt sich einem glühend ins Gedächtnis.

Und dann ist da plötzlich doch eine Zeile: „We want to drift drift drift into another/ waiting for a joy.“

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