Kultur : Nach der Sintflut

Hohe Preise, noch höhere Taxen: die Auktionswoche in New York

Matthias Thibaut

Trotz zahlreicher Rekorde und Umsatzsteigerungen zeigt die New Yorker Auktionswoche bei Sotheby’s und Christie’s wie dünn die Luft im hochpreisigen Marktsegment geworden ist – und wie übersteigert die Erwartungen. Das gilt auch für ein Ausnahmebild wie Paul Gauguins „Maternité“. Obwohl ein Telefonbieter mit 39,2 Millionen Dollar gut 15 Millionen Dollar mehr als den bisherigen Höchstpreis für einen Gauguin zahlte – war es weniger, als sich Sotheby’s erhofft hatte. Vielleicht weil das seltene Bild aus Gauguins Tahiti-Periode restauriert ist und im vergangenen Jahr schon im Handel herumgereicht wurde.

Nun bleibt abzuwarten, ob die die Auktionsmultis bei ihren Herbstauktionen den angestrebten Umsatzrekord von einer halben Milliarde Dollar erreichen werden. Sotheby’s jedenfalls verfehlte am Donnerstag das Klassenziel, als die Abendauktion mit Impressionisten und Klassischer Moderne nur 194 Millionen Dollar erreichte. Zwar war es Sotheby’s höchster Umsatz in einer Auktion seit 1990, aber das Spektrum der Schätzungen betrug, nach oben getrieben durch den niedrigen Dollarkurs, zwischen 203 und 275 Millionen Dollar.

Ein Beispiel für die überhöhten Erwartungen war Kandinskys „Skizze für Sintflut II“, eine vibrierende Komposition aus dem Jahr 1912. Der Kunsthändler Harold Hester hatte es 1980 für 950000 Dollar ersteigert. Sotheby’s versprach seiner Witwe 20 bis 30 Millionen Dollar – und niemand reckte die Hand. Nun ist das Auktionshaus stolzer Besitzer des Bildes, denn man hatte der Witwe Hester Diamond den Verkauf der sechs Spitzenwerke großzügig garantiert – Berichten zufolge mit 65 Millionen Dollar. Auch ein Picasso blieb liegen, der große Mondrian „New York 1941/Boogie Woogie“ brachte mit 21 Millionen Pfund zwar einen Auktionsrekord, aber nur knapp die untere Taxe. Insgesamt kamen die Bilder aus der Sammlung Hester nur auf 39 Millionen Dollar.

Strahlende Momente gab es dagegen bei Modiglianis letztem Porträt seiner großen Liebe Jeanne Hébuterne. Das Bild der Melancholikerin, die einen Tag nach Modiglianis Tod schwanger aus dem Fenster sprang, rührte einen romantischen Telefonbieter dazu, 31,3 Millionen Dollar aufzubringen.

Auch bei Christie’s mischten sich Vorsicht und Zuversicht auf komplexe Weise, trotz eines Hausrekords von 128 Millionen Dollar. Nur das Nebensächlichste blieb unverkauft, aber die Käufer ließen sich von den extrem hohen Schätzungen nicht verführen – auch nicht bei einem Gemälde von so makelloser Provenienz und musealer Würde wie Monets Serienbild der Houses of Parliament. „Der Nebel hat alle möglichen Farben, das Interesse liegt darin, die Objekte zu malen, wie man sie durch diese Nebel sieht“, sagte Monet. 1904 wurde „Londres, le Parlement, effet de soleil dans le brouillard“ zum ersten Mal in der Galerie Durand-Ruel gezeigt – und blieb seitdem im Familienbesitz, gerüchteweise soll es sich um die Galeristenfamilie selbst handeln. 20,1 Millionen Dollar kostete es nun. Nur noch vier der Parlamentsbilder sind in privaten Sammlungen. Die restlichen 15 aus der Serie hängen in Museen. Auch so gesehen ist Monet eine schwindende Marktgröße.

Zwei gewiefte Sammler trennten sich von Bildern, die ihren Preiszenit wohl überschritten haben. Wafic Said, ein saudischer Krösus, gab van Goghs „Pont de Trinquetaille“ auf den Markt zurück. 1999 hatte er bei Christie’s dafür noch 15,4 Millionen Dollar bezahlt. Nun brachte es 11,2 Millionen. Wenn man weiß, dass es 1987 über 20 Millionen Dollar kostete, bekommt man einen Eindruck vom Preisrückgang der Impressionisten. Kasinokönig Steve Wynn, Supersammler aus Las Vegas, verkaufte Cézannes „Portrait de femme“. Vielleicht war ihm der strenge Blick der Hausangestellten zu schwer und grau geworden. Es brachte nun 10,08 Millionen Dollar.

Aufschwungspreise gab es für Werke der Moderne wie Kees van Dongens „Femme fatale“ mit 5,9 Millionen Dollar oder Joan Mirós „La caresse des étoiles“. Der Sammler Nathan L. Halpern hatte es 1944 im besetzten Paris gegen seinen Mantel getauscht und nie jemanden gezeigt. Nun wurde das Bild auf 11,7 Millionen Dollar gesteigert. Zwei Gemälde Feiningers dagegen, leuchtende kubistische Stadtlandschaften, wurden niedrig bewertet: Hatte „Mellingen V“ etwa 1989 in der Villa Grisebach noch einen umgerechneten Dollarpreis von 1,6 Millionen gebracht und den internationalen Run auf die deutsche Avantgarde mit ausgelöst, erzielte es mit 1,57 Millionen Dollar nicht einmal die alte Marke.

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