Nach der Verhaftung von Ai Weiwei : Gehen oder bleiben?

Welche Legitimation hat die deutsche Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ in Peking nach der Verschleppung von Ai Weiwei und der Ausladung von Tilman Spengler? Soll die Schau abgebaut werden? Zwei Positionen.

von und
Säuberungsaktion. Nach einem Regenguss trocknen Mitarbeiter des Chinesischen Nationalmuseums vor dem Eingang zur Ausstellung den Teppich.
Säuberungsaktion. Nach einem Regenguss trocknen Mitarbeiter des Chinesischen Nationalmuseums vor dem Eingang zur Ausstellung den...Foto: dpa

PRO

Dass diese Ausstellung in Peking ein konzeptionell und kulturpolitisch höchst fragwürdiges Vorhaben war – die zur Eröffnung geladenen deutschen Berichterstatter haben es in mehr oder auch minder gesetzten Worten durchblicken lassen. Seit Ai Weiwei, Chinas derzeit international wirkungsmächtigster Künstler, kurz nach ihrer Eröffnung verhaftet wurde, ist sie nur mehr eine Farce. Mehr noch: Sie wird mit einem Schlag als der Skandal sichtbar, der sie ist.

Wenn es nach dem Willen der Museumskuratoren und ihres Mitfinanziers namens Auswärtiges Amt geht, dann ist Deutschland mit „Die Kunst der Aufklärung“ ein Jahr lang zu Gast bei einem der finstersten Regimes dieses Planeten. Schon den Standort am Tiananmen-Platz neben dem Staatssicherheitsgebäude nannte Ai Weiwei dieser Tage noch elegant „ironisch“. Und über die Zusammenstellung der disparaten Devotionalien, die sich kunstgeschichtlich nur arg lose mit der radikalen und bis heute virulenten geistesgeschichtlichen Epoche der Aufklärung auseinandersetzen, ist schon an anderer Stelle feinsinnig gespottet worden.

Wozu also zwölf Monate lang eine Kulturschau in Peking, mit der sich die Deutschen bloß als Leisetreter profilieren, hübsch lukrative Folgeaufträge im Blick? Das war die Frage schon am Eröffnungstag. Durch Ai Weiweis Verhaftung unmittelbar nach dem hochprotokollarischen Brimborium erweist sich nun, dass das Regime sich zudem lustig macht über den Geist, den es da im Zusammenspiel mit den Deutschen zugleich herbeirief und entsorgte. Dass der normale Chinese zum hochherzig „Aufklärung im Dialog“ betitelten Begleitprogramm nur nach hochnotpeinlichen Anmeldeprozeduren vorgelassen wird, macht das Scheitern dieses Kultur-Dialogs vollkommen.

"Es wird genau darauf geschaut, wie Deutschland sich positioniert"

Für die Deutschen gibt es nur noch eine achtbare Form, hier aus dem Ruch von – mit Verlaub – nützlichen Idioten eines beinharten Regimes herauszukommen. Sie ist so freiheitsliebend und menschenrechtsbewusst wie der Geist der Aufklärung selbst. Und heißt: Abbruch der gruselig gemütlichen Zelte, die man da am Platz des Himmlischen Friedens und irdisch gouvernementaler Mordlust aufgeschlagen hat. Ausknipsen das Alibi einer eh schwach erleuchteten Aufklärungsschau in einem Land, das ganz auf Verdunkelung setzt. Selber ein Zeichen setzen, nach außen wie nach innen. Ein Zeichen an den Überwachungsstaat China, der Gastfreundschaft derzeit nur als Variante zynischen Regierungshandelns versteht. Und ein Zeichen für ein neu zu definierendes Verantwortungsselbstverständnis auswärtiger Kulturpolitik.

Demonstrative Akte bringen nichts? Der Nobelpreis für einen inhaftierten chinesischen Dichter und Menschenrechtler hält den Blick für Recht und Unrecht weltweit ebenso scharf wie Festival-Einladungen für an der Zensur vorbei hergestellte Filme oder einen zu Hause kaltgestellten iranischen Regisseur. Die Chinesen lachen darüber, wenn die Deutschen eine eigenfinanzierte Ausstellung wieder eigenfinanziert abbauen? Mag sein, mag nicht sein. Es wird genau darauf geschaut, wie Deutschland sich (kultur-)politisch international positioniert. Der Außenminister, der unlängst Deutschland mit dem verkappten Nein zu einer im Kern humanitären Intervention isolierte, hat hier die Gelegenheit zur Rehabilitierung – und zum Ausstieg mit Augenmaß. Jan Schulz-Ojala

KONTRA

Im Sprachgebrauch des internationalen Business gilt Kultur als soft power. Auch Politiker und Diplomaten und Kulturmanager benutzen diesen technokratischen Begriff. Im positiven Sinn könnte man sagen: Steter Tropfen höhlt den Stein, zumal im so genannten Dialog mit Diktaturen. Die negative Einschätzung besagt, dass mit Kultur und Austausch in Wahrheit nichts bewegt wird. Die von deutschen Museen bestückte Ausstellung zur „Kunst der Aufklärung“ im Nationalmuseum von Peking lenkt demnach nur von der unerträglichen Situation der Menschenrechte in China ab.

Doch so soft und harmlos kann Kultur nicht sein, wenn eine Weltmacht wie China sich dazu hinreißen lässt, Künstler und Schriftsteller zu drangsalieren und kalt zu stellen. Offensichtlich fürchtet das kommunistische Regime die Macht des Wortes, die Meinungsfreiheit, den künstlerischen Ausdruck einzelner Individuen, die Strahlkraft der Fantasie. Liu Xiaobo, der Friedensnobelpreisträger, wurde zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Ai Weiwei, der Bildhauer, wurde am Pekinger Flughafen verschleppt. Über sein Wohlergehen ist nichts bekannt. Solche brutalen Übergriffe des Polizeistaats sind ein Zeichen von Schwäche.

Mit jedem Tag der Ungewissheit, mit jeder Stunde, die Ai Weiwei an unbekanntem Ort verbringen muss, wird der Fall dramatischer. Doch es ist ebenso ungewiss, ob ihm mit einer unüberlegten Aktion geholfen wäre. Raus aus Peking, die „Aufklärung“ nach Hause holen?

"Deutschland sollte die Plattform nutzen"

Es ist festzuhalten und nicht zu entschuldigen: Die deutschen Museumsverweser haben sich bei der Eröffnung auf dem Platz des Himmlischen Friedens skandalös verhalten, als sie zu der Ausladung des Schriftstellers und Sinologen Tilman Spengler schwiegen. Man kann nicht Immanuel Kants Schuhe in Peking abstellen und Fersengeld geben.

In Peking bleiben kann aber nur heißen: dranbleiben, die Plattform nutzen. Wenn man schon vorzügliche Kontakte zu den Chinesen hat, dann muss der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz unverzüglich auf die sofortige Freilassung Ai Weiweis dringen. Wer Dialog predigt, ist auch verpflichtet, ihn zu führen: einen Dialog, der diesen Namen verdient.

Abgesehen davon, dass ein sofortiger Abbau der Ausstellung gar nicht zu bewerkstelligen ist – die Konsequenzen wären unabsehbar. Es käme dem Abbruch der kulturellen Beziehungen gleich. Soll das Goethe-Institut in China schließen? Will man bei der Berlinale auf Filme aus China verzichten – und auf Filme aus Iran? Dürfen deutsche Ensembles nicht mehr beim Festival in Teheran gastieren? Geht es an, dass im Berliner Pergamonmuseum die Tell-Halaf-Ausstellung weiter gezeigt wird, die in Zusammenarbeit mit Syrien entstanden ist? Das Regime in Damaskus lässt auf Demonstranten schießen. Und wie ist es mit den kulturellen Kontakten zu Russland, wo bekanntlich lupenreine demokratische Verhältnisse herrschen, von Weißrussland zu schweigen? Keinen Austausch mehr mit Israel, das die Palästinenser einmauert, keine deutschen Künstler mehr in Ramallah, weil das Israels Interessen verletzt?

Es ist das Wesen kultureller Arbeit, dorthin vorzudringen, wo die Verhältnisse verhärtet sind. Kolonialismus ist passé in dieser Welt, aber auch Isolation. Aus sicherer Entfernung sind Diktaturen nicht zu beeinflussen, nur aus der Nähe. Rüdiger Schaper

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben