Nach der Wiedervereinigung : Ein Land nach dem Rausch

Mit der Einheit kam die Ernüchterung: Das Deutsche Historische Museum nimmt das Jahr 1990 unter die Lupe.

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„Tor auf“ hallt es durch den Ausstellungsraum des Deutschen Historischen Museums im I.M.Pei Bau. Mit den obligatorischen Bildern vom Mauerfall 1989 beginnt auch diese Ausstellung „1990 – Der Weg zur Einheit“. Fernsehkameras zeigen Menschenmassen, die trunken vor Freude die geöffnete Grenze passieren, die im Rausch der Freiheit über den Kurfürstendamm flanieren, die Finger zum Victory-Zeichen erhoben. Doch nach dem Siegestaumel der friedlichen Revolution folgt im Jahr 1990 die Ernüchterung.

In der eindringlichen Vorgänger-Ausstellung: „Das Jahr 1989. Bilder einer Zeitenwende“ führte das DHM die wirtschaftliche Erosion der DDR vor Augen und die dramatischen Ereignisse, die den Mauerfall verursachten. 1990 wird die Geschichte verzwickter. Wie lässt sich eine Zeit darstellen, in der Chaos herrschte, in der sich die Ereignisse überstürzten und schillernde Personen auf den Plan traten?

Das DHM gliedert den Weg zur Einheit in zwölf Etappen. Aufregend deutlich wird dabei, wie die Wiedervereinigung in einem Wechselspiel aus Wählervotum, politischer Strategie, internationalem Einfluss und der unberechenbaren Macht der Straße gestaltet wurde. Manches erscheint zwanzig Jahre später in anderem Licht. Da lohnt es sich, das ZehnPunkte-Programm genauer anzuschauen, das der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl am 28. November 1989 dem Bonner Bundestag vortrug. Das Konzept zur „Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas“ greift instinktsicher die Wünsche der DDR-Demonstranten auf, es macht geschickt Druck auf die SED, fordert freie Wahlen und das Ende der Planwirtschaft. Eins der wenigen Originalexponate in dieser Text- und Fotoausstellung ist Kohls Redemanuskript, mit gerader Beamtenschrift überarbeitet.

Übertrieben beflissen wirkt allerdings im Lauf des Rundgangs die Überhöhung von Helmut Kohl als Kanzler der Einheit. Die Heroisierung widerspricht dem Tenor der Schau, dass die Gestaltung der Wiedervereinigung von der Mehrheit der DDR-Bevölkerung maßgeblich beeinflusst und gewollt wurde.

Heute erstaunt, wie schnell die ostdeutschen Diskussionen für oder gegen eine Wiedervereinigung vom Tisch gefegt waren. Zwar unterzeichneten 1,5 Millionen Menschen den Appell „Für unser Land“, mit dem Intellektuelle und Oppositionelle vor dem „Ausverkauf materieller und moralischer Werte“ und einer „Vereinnahmung der DDR durch die Bundesrepublik“ warnten. Doch bei der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 wählten 48 Prozent die „Allianz für Deutschland“, stimmten also für eine Wiedervereinigung. An diesem Punkt hätte man sich eine gründlichere Auseinandersetzung mit den Einwänden gewünscht, da Distanz und Zweifel bis heute flüsternd fortleben. Auch wenn es durchaus ein Verdienst der Ausstellung ist, dass sie die Geschichtsschreibung nicht jenen überlässt, die die Wiedervereinigung als feindliche Übernahme betrachten.

Im Jahr 1990 verbargen sich spektakuläre Momente in unscheinbaren Bildern. Im Zentrum des Raumes steht der Runde Tisch aus Schloss Niederschönhausen, an dem die Zwei-plus-Vier-Gespräche stattfanden. Gemessen an der Größe des Ereignisses, dem Ende des Kalten Krieges, wirkt das Set mit den Wimpeln der vier ehemaligen Alliierten und der beiden deutschen Staaten harmlos bieder. Eine Kopie des Zwei-plus-Vier-Vertrages verrät nichts über die Hürden, die die Verhandlungspartner überspringen mussten.

Und dann blitzt der Freudentaumel für einen Moment wieder auf. Harald Hauswald fotografiert in der Nacht der Geldumstellung die jubelnden Menschen mit DM-Scheinen in der Hand. Die Währungsunion entzog sich der politischen Lenkung. Die Abwanderungen in den Westen erzwangen einen Umtauschkurs von 1:1, unabhängig vom Wert des Geldes auf dem freien Markt, entgegen dem politischen Willen und dem Rat der Wirtschaftswissenschaftler. Wie ein ironischer Kommentar mutet die Vitrine mit Banknoten an – dem 100 DM-Schein und den 100 Mark der DDR. Heute sind beide Banknoten Relikte der Vergangenheit.

Das unselige Wirken der Treuhandanstalt streift die Chronik mit diplomatischem Geschick. Ende 1990 hatten 55 Prozent der ostdeutschen Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz verloren. Ein hellsichtiges Foto von Barbara Klemm fasst das Jahr in einer Sekunde zusammen. Da steht ein Nachtschwärmer im Regenmantel am Tag der deutschen Einheit auf der abgefeierten Rasenfläche vor dem Reichstag. Die Sektflasche in der Hand wendet er sich zögernd dem ungewissen Morgen zu.

Für Besucher, denen die Ereignisse noch präsent sind, sortiert sich die Erinnerung. Die vielen Schüler und ausländischen Touristen aber müssen sich die Zusammenhänge mühsam anlesen.

DHM, Hinter dem Gießhaus 3, bis 10. Okt., täglich 10 - 18 Uhr

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