Kultur : Nach Märkisch-Sizilien

Steffen Richter

träumt sich in wärmere Gefilde Jetzt geht das wieder los: Heizen und Fahrradfahren mit Handschuhen. Wie immer um diese Jahreszeit möchte man am liebsten in den Süden. Und wie immer hat man keinen Urlaub. Aber ein bisschen Süden geht vielleicht doch. Zum Beispiel Wilhelmshorst, eine halbe Regionalbahnstunde südlich vom Alexanderplatz.

Die Mark Brandenburg erinnert zwar nur entfernt an Sizilien oder Sardinien. Aber in Wilhelmshorst gibt es zumindest gute Literatur. Peter Huchel hat hier gedichtet. Am 15.10. (20 Uhr) kommt ein literarischer Virtuose ins Huchel-Haus (Hubertusweg 41): der diesjährige Büchnerpreisträger Wilhelm Genazino . Lesen wird er aus seinem Roman über die späte Adenauerzeit. Inmitten dieser bundesdeutschen „Geschichtsstille“ lebt der 17-jährige Weigand sein Doppelleben als Speditionskaufmann und Lokalreporter. Genazino erzählt, was Weigand zum normalen Leben fehlt: „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ (Hanser).

Weniger unauffällig ging es zu, als James Kelman vor zehn Jahren den Booker Prize erhielt. „Skandal!“ riefen die Gazetten. „Spät war es, so spät“ (Liebeskind) führt tief in die Glasgower Arbeitersiedlungen. Sein Held Sammy ist ein Kleinkrimineller, dem Alkohol zugeneigt und nach einem Zusammenstoß mit der Polizei erblindet. Er spricht eine fast unübersetzbare Mischung aus Dialekt und obszönem Slang. Nach zehn Jahren gibt es das Buch nun doch auf Deutsch, James Kelman stellt es heute im LCB vor (20 Uhr).

Am selben Ort liest am 14.10. der Schweizer Markus Werner aus seinem hoch gelobten Roman „Am Hang“ (S. Fischer). Hier kommen wir dem Süden schon etwas näher: Schauplatz ist Montagnola im Tessin. Zugegeben, in dieser Woche reicht es nur zu einem „kleinen Süden“. Manchmal muss man sich eben begnügen.

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