Kultur : Nach Mitternacht

Christiane Peitz feiert 50 Jahre „Kleines Fernsehspiel“

Was haben Rosa von Praunheims „Bettwurst“, Tom Tykwers „Die tödliche Maria“, Lars von Triers „The Element of Crime“ und Jim Jarmuschs „Stranger than Paradise“ gemeinsam? Klar, es sind Filme, die Geschichte geschrieben haben, Kinogeschichte. Was sie auch noch eint: Ohne das öffentlich-rechtliche Fernsehen würden sie kaum existieren, handelt es sich doch um Produktionen des ZDF, des „Kleinen Fernsehspiels“. Nun feiert die Reihe 50. Geburtstag, was das Berliner Arsenal-Kino mit einer Hommage bis Ende des Monats würdigt und natürlich auch das ZDF selbst, mit vier Abenden im Hauptprogramm und einer 32-teiligen Retrospektive auf ZDF Kultur. Am heutigen Freitagabend ist dort Jim Jarmusch dran.

„Das Kleine Fernsehspiel“, der Name klingt bescheiden. Talentschmiede, Experimentierwerkstatt, Kinolabor, Startrampe für die großen Filmemacher von morgen hat man die für den nationalen und internationalen Regienachwuchs engagierte Redaktion genannt (deren langjähriger Kopf Eckart Stein war und die heute von Claudia Tronnier geleitet wird). Aber das ist stark untertrieben. Nicht nur Jarmusch konnte sein Lowbudget-Debüt hier realisieren, zahllose Karrieren vermeintlich sonderlicher Filme nahmen im „Kleinen Fernsehspiel“ ihren Anfang, Filme, die Kult und Klassiker wurden: Fassbinders „Händler der vier Jahreszeiten“, Werke von Kluge, Achternbusch, Helke Sander, Christian Petzold, Oskar Roehler, Andres Veiel und Fatih Akin, von Angelopoulos, Derek Jarman, Meredith Monk, Atom Egoyan oder der bosnischen Bären-Gewinnerin Jasmila Zbanic.

Poesie und Anarchie, Wagnis und Weite: Wer sich öffentlich darüber ärgert, dass das Fernsehen die deutsche Filmförderung unterwandert und das einheimische Kino auf TV-Quote und Standardformate trimmt, dem kann es passieren, dass er Protestpost vom „Kleinen Fernsehspiel“ bekommt. Recht haben sie: Bis heute bildet die Redaktion auf dem Mainzer Lerchenberg die Ausnahme von der Regel. Wenn ARD, ZDF und die Dritten alle so unerschrocken zu Werke gingen wie die „Fernsehspiel“-Leute, bräuchte man sich um den Kulturauftrag des Staatsfernsehens keine Sorgen zu machen.

Die erste Sendung im April 1963 dauerte 25 Minuten (daher das „Klein“ im Titel), hieß „Die Unzufriedenen“ (nach einer literarischen Komödie von Prosper Merimée) und wurde zwischen „Drehscheibe“ und „Dick und Doof“ ausgestrahlt. Auf Literatur- und Theateradaptionen folgte bald die kontinuierliche Zusammenarbeit mit den Filmhochschulen und die Komplizenschaft mit den Autorenregisseuren des neuen deutschen Films. 1969 etablierte sich die 22-UhrSchiene am Mittwoch für Langfilme, heute steht das Fernsehspiel montags nach Mitternacht auf dem Programm. Bei seit Jahren stagnierendem, also faktisch schrumpfendem Budget.

„Die Unzufriedenen“ waren vor 50 Jahren Teil des Vorabendprogramms, die jetzige Jubiläumsreihe im ZDF-Hauptprogramm können nur Schlaflose goutieren. „Stranger than Paradise“ lief dort in der Nacht auf Dienstag, um 2.35 Uhr. Am Ende siegt die Angst vor der eigenen Courage: Das Fernsehen versteckt seine Schätze, statt mit ihnen zu wuchern.

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