Kultur : Nach Moskau!

Das Berliner Maxim Gorki Theater feiert 50. Geburtstag

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Von Christoph Funke

Noch kämpfte Bertolt Brecht um das Theater am Schiffbauerdamm, als am 30. Oktober 1952 im Gebäude der ehemaligen Berliner Singakademie am Kastanienwäldchen das Maxim Gorki Theater eröffnet wurde – mit dem längst vergessenen Stück „Für die auf See" von Boris Lawrenjow. Dieser Gründungstermin war wohlüberlegt. Es ging darum, ein Modelltheater nach sowjetischem Vorbild auf den Weg zu bringen, noch bevor das im Deutschen Theater gastierende Berliner Ensemble sein eigenes Haus und damit größere Möglichkeiten am Schiffbauerdamm bekam. Brecht und Weigel, so war das Kalkül, sollten in ihren dem Kanon des sozialistischen Realismus nicht entsprechenden Bemühungen um ein episches Theater der Klarheit und der Vernunft durch eine Art Gegenbühne abgefangen werden.

So erhielt das Maxim Gorki Theater den Auftrag, Schauspielkunst und Repertoire auf einen betont pädagogischen Realismus festzulegen. Als Richtschnur galt das System Stanislawski, wie es damals fast ausschließlich durch Epigonen und ohne ausreichende Kenntnis der Quellen strenggläubig interpretiert wurde. Folgerichtig übernahm der aus der sowjetischen Emigration heimgekehrte Maxim Vallentin das Amt des Intendanten. Der Kommunist und erfahrene Theatermann arbeitete von Anfang an konsequent auf die „gesellschaftliche Wahrheit“ hin – und das bedeutete eine wirklichkeitsgetreue Abbildung des Lebens auf der Bühne.

Aber wie so oft in der Geschichte der DDR hielten unverblümt politische Vorgaben dem schöpferischen Drang leidenschaftlicher Theaterleute nicht lange stand. Schon unter Vallentin brach der von Gerhard Wolfram geförderte junge Regisseur Horst Schönemann zu Beginn der sechziger Jahre die in den Aufführungen des Hauses herrschende trockene Geradlinigkeit auf. Er machte scharfsinniges komödiantisches Theater mit hohem Körpereinsatz und war der erste, der die Rückbesinnung von Stanislawski auf Meyerhold wagte. Über dreihundert Mal lief seine Inszenierung der „Reise um die Erde in 80 Tagen“. Als Schönemann im Dezember 1965 dann Brendan Behans „Die Geisel“ inszenierte, mit der unverhohlenen Lust an der absurden Fortschreibung einer längst vertanen Revolution, mussten er und Wolfram das Maxim Gorki Theater verlassen.

Dennoch war eine Arbeitsweise begründet worden, die das kleinste der Ostberliner Theater, gerade in seiner konsequent sozialistischen Haltung, immer wieder in den Brennpunkt politischer Auseinandersetzungen rückte. Albert Hetterle übernahm 1968 die Leitung und fand aus dem zunächst unbedingten Einverständnis mit den kulturpolitischen Richtlinien Schritt um Schritt zu einer sehr eigenen, selbständigen Haltung. Er setzte sich zunehmend für die kritischer werdende, stalinistische Verwerfungen anprangernde russische Dramatik ein. Auch holte er Regisseure an sein Haus, die entschlossen neue Wege suchten. Thomas Langhoff reifte am Gorki zum Meister seines Fachs, mit Hauptmann, mit Shakespeare, mit Tschechow. Schon 1975 hatte Wolfgang Heinz „Die Letzten“ von Maxim Gorki am Kastanienwäldchen inszeniert und der Gorki-Rezeption des Hauses wieder Kraft und Fülle gegeben.

Besonders aber trug die konsequente Förderung der Dramatiker der DDR, von Alfred Matusche und Peter Hacks über Claus Hammel, Rainer Kerndl und Rudi Strahl bis Volker Braun und Ulrich Plenzdorf, zunehmend Früchte. Zwischen Theater und Publikum entstand ein immer engeres, verschwörerisches Einverständnis: die subversive Lust an der Kritik des Bestehenden. So wurde der Boden bereitet für Volker Brauns „Die Übergangsgesellschaft“, die in Thomas Langhofffs überragender Inszenierung 1988 vom Scheitern der gepriesenen Revolution, vom Verrat der sozialistischen Ideale kündete.

Das Theater nahm das Ende der DDR vorweg. Dann aber war alles anders. Nicht nur die Mauer war gefallen, auch heimelige Eingrenzungen im Theater selbst mussten auf den Prüfstand. Was sollte man jetzt spielen im plötzlich so großen Berlin, im Wettbewerb mit den Westberliner Bühnen, und für wen? Albert Hetterle öffnete den Spielplan, ließ Stücke von Eliot, Ionesco, Beckett und Tabori inszenieren und konnte dennoch nicht verhindern, dass sein Theater vom Zentrum der Aufmerksamkeit an den Rand geriet. 1994, im Alter von 76 Jahren, übergab Hetterle die Intendanz an Bernd Wilms, der das Haus in ein neues Licht setzte.

Um der übermächtigen Konkurrenz der großen Berliner Theater standhalten zu können, setzte Wilms auf Vielfalt und Lockerheit, er versuchte aus dem Standort des Theaters am Boulevard Unter den Linden Kapital zu schlagen. Nicht schmerzlos verlief der Umbau des Ensembles, das Zusammenführen von Theaterleuten aus Ost und West. Als eigenwillige Persönlichkeit mit trotziger Leidenschaft und hoher integrativer Kraft erwies sich dabei Katharina Thalbach, der neben dem zeitweiligen Oberspielleiter Uwe Eric Laufenberg die prägendsten Inszenierungen in der acht Jahre währenden Ära Wilms gelangen. „Der Hauptmann von Köpenick“erst mit Harald Juhnke, dann mit der Regisseurin Thalbach selbst in der Titelrolle, ist längst zur Legende geworden. Auch „Berlin Alexanderplatz“, von Laufenberg 1999 mit Ben Becker inszeniert, gehört zu den unvergesslichen Abenden.

Im September 2001 hat Volker Hesse die Intendanz des Gorki übernommen, mit der entschiedenen Absicht, nach den Erfahrungen seiner Arbeit am Zürcher Neumarkt Theater wieder ein betont politisches Theater zu machen. Die erste Saison brachte die erhofften Entdeckungen noch nicht, auch die kontroverse Auseinandersetzung mit Fragen der Gegenwart blieb im Ansatz stecken. Und der Versuch, konventionelle Formen des Theaterspiels aufzubrechen, ins Offene, Improvisierte, zu kommen, fand nur bei einem Teil des Publikums Anklang. Aber, so nahe an der Gegenwart, gerät die langfristig geschichtliche Betrachtung eines Theaters ohnehin ins Unsichere. Die Hoffnung bleibt, dass Hesse und sein Ensemble, wenn man ihnen Zeit lässt und Vertrauen gibt, ihren Weg in Berlin finden werden. Der Start in die zweite Spielzeit verlief in der Begegnung des russischen Realisten Ostrowski mit den heutigen, heiter und böse alle Tabus brechenden Dramatikern theatergemäß – zwischen Erfolg und Misserfolg.

Aus dem Festprogramm des Gorki-Theaters: „Die Letzten“ von Maxim Gorki, Gastspiel aus Moskau mit Oleg Tabakow (16. u. 17. 10.), „Wetter für morgen!“, Matinee mit den russischen Dramatikern A. Gelman, A. Galin, M. Schatrow, V. Rasputin und dem russischen Kulturminister M. Schydkoj, 20. 10. und 30. 10. „Pjatdesjat“ - Das Fest. Im Verlag Theater der Zeit ist zum Jubiläum der Band „50 Jahre Maxim Gorki Theater“ erschienen.

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