Kultur : Nach Paris!

Jan Schulz-Ojala

Um Voltaire geht es nicht in "Voltaire ist schuld" - oder allenfalls in einer ironischen Anspielung auf einen der Großen unter den französischen Dichtern und Denkern. Und schuld ist auch niemand in diesem Film - wie auch, bei lauter guten Menschen vom Rande der Gesellschaft, die auch nur ein bisschen leben wollen?

Nein, der Film, dessen Titel eine in Frankreich sprichwörtliche Zeile aus Victor Hugos "Les Misérables" zitiert, macht es uns erst mal nicht leicht. So bietet er einen politischen Stoff um illegale Einwanderer an, aber dann ist das, was dem Helden Jallel widerfährt, eine Liebesgeschichte, genauer gesagt: zwei. Und als die beiden Lieben ganz ins Private zu entrücken scheinen, sind wir plötzlich wieder mitten in der Politik. Aber nur kurz, für zwei sehr knappe, alles sagende Szenen.

In seiner langen Mitte aber erzählt "Voltaire ist schuld" ziemlich drauflos. Und das hat seinen Sog. Wir folgen dem Tunesier Jallel, der sich zwecks besseren Aufenthaltsstatus als Algerier ausgibt, durch Paris. Wir sehen ihn beim Obdachlosenzeitung-Verkaufen in der Metro und als Rosenhändler in den Cafés. Wir sehen, wie er sich zwecks Scheinehe fast verheiratet und wie er sich ein andermal unversehens ganz verliebt. Und immer sind es seine fröhlichen Gelegenheitsfreunde, die ihn immer sicherer durch sehr abgemessene Zeiten tragen.

Aber eigentlich ist Jallel, dem Sami Bouajila einen wunderbar vertrauenwürdigen Charakter gibt, gar nicht so wichtig. Es sind die beiden Frauen, die dem Film seine unverwechselbare Farbe geben. Da ist erst die Kellnerin Nassera (Aure Atika): Sie ist die ruppige, allein erziehende Mutter eines kleinen halbtunesischen Sprösslings, und Jallel kommt in ihrem Leben zunächst, ein Zufallsfremder, nur so vorbei. In einer atemberaubend zwischen Verzweiflung, Stolz, Liebessucht, Verlorensein, Eisenhärte und Zärtlichkeit dahinjagenden Szene aber spielt sich Nassera ihm für immer ins Gedächtnis. Da mag Jallel später, wenn die Rede auf sie kommt, noch so vernünftig "Das ist Vergangenheit" sagen.

Und dann fällt Elodie Bouchez in diesen Film. Man möchte sagen: Sie sprengt ihn fast. Elodie Bouchez ist Lucie: die reichlich kaputte Insassin einer Klinik, die für 20 Francs oder ein paar Zigaretten mit jedem schläft - und dann im Schlepp des zeitweiligen Mitpatienten Jallel und am einzig verlässlichen Geländer der eigenen sexuellen Lust (und irgendwann Liebe) hinausfindet in ein ziemlich komisches Draußen. Irgendwann rezitieren die beiden, der Rosenverkäufer und seine anderweitig schwanger gewordene Muse, ein Gedicht von Ronsard in der Metro. Und auf einmal ist nichts normaler, als lachend und weinend und ein bisschen verlegen das Rosengedicht von Ronsard in der Metro aufzusagen.

So gesehen, sind Voltaire und seine Vorfahren vielleicht doch schuld - zumindest an diesem poetischen Erstlingsfilm des in Tunesien geborenen und in Nizza aufgewachsenen Schauspielers Adbel Kechiche. Und vielleicht liest man auch seinen Film am besten wie ein Gedicht. Dann stört man sich nicht an Weglassungen und an manchen rauschhaften Szenen, die Handlung weitaus weniger enthalten als pure Vitalität. Ja, dieser Film erzählt nicht eigentlich, in Wörtern nicht und nicht in Bildern. Sondern er lebt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben