Kultur : Nach Polen! Nach Berlin!

Flüchtlinge, Flüchtige: Hans-Christian Schmid hat mit „Lichter“ seinen bisher ernsthaftesten Film gedreht

Christina Tilmann

Schön ist es, wenn der Nebel über den Flussauen liegt und mit der blauen Dämmerung ein neuer Tag beginnt. Schön, wenn am Abend die Lichter von der anderen Seite herüberleuchten. Und hässlich: hässlich sind die Ansammlungen von Dönerbuden und Straßencafés, hässlich die Plattenbauten und die Baracken des Bundesgrenzschutzes. Hässlich, wenn nachts die Patrouillenboote mit Suchscheinwerfern über die Oder kreuzen, und hässlich, wenn die LKW-Schlangen kilometerlang an der Grenze warten. Schön und hässlich: Das ist Deutschland an seiner östlichen Grenze.

Frankfurt/Oder mit seinem polnischen Pendant, dem Vorort Slubice, mausert sich zu einem Lieblingsdrehort des deutschen Films, zumindest in seiner kritischen Variante. Nach Andreas Dresens „Halbe Treppe“ spielt nun auch Hans-Christian Schmids „Lichter“ im deutsch-polnischen Grenzgebiet: zwei der schönsten und wichtigsten Filme der letzten Jahre. Und zwei, die sich einem sonst nahezu totgeschwiegenen Thema widmen, dem Verhältnis zu den östlichen Nachbarn. Es mag Zufall sein, dass „Lichter“, der im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale lief, dort gegen zwei weitere Flüchtlingsfilme antrat – oder eben auch nicht: Denn Deutschland liegt mitten in der Schneise der neuen Völkerwanderungen zwischen Ost und West, Arm und Reich. Und „Lichter“ richtet endlich den Scheinwerfer darauf.

„Dort drüben, dort wo die Lichter sind, da liegt Berlin“, hatte der Schlepper den ukrainischen Flüchtlingen gesagt, bevor er sie kurz vor Slubice im Wald absetzte. Hier, eine Stunde von Berlin entfernt, beginnt eine neue Welt – für die Deutschen, von denen die meisten trotz der nachbarlichen Nähe noch nie in Polen waren, und für die Flüchtlinge aus dem Osten, die alle nur nach Berlin wollen, in das Schlaraffenland, das ihnen der glitzernde Potsdamer Platz wie eine Fata Morgana vorgaukelt. Vielleicht wird irgendwann einmal, im Zuge der EU-Osterweiterung, diese Stadt das Tor zum Osten, das Berlin nach der Wende nicht werden wollte. Dann aber wird das, worum es in „Lichter“ geht, Vergangenheit sein.

Denn heute dreht sich alles um die Grenze. Wie man von diesem Ort wegkommt, wie man sich hier einrichtet, wie man hier lebt und wie man überlebt, davon handelt „Lichter“. Andreas Dresen hatte in „Halbe Treppe“ von Westen her auf die Grenze geblickt, hatte die LKW-Schlangen gefilmt und in Slubice nur das Hotel für den Seitensprung gefunden. Hans-Christian Schmid wählt die andere Blickrichtung, er schaut von Polen aus nach Westen, und sieht jenseits der Grenze, in Frankfurt/Oder, nur das Tor zum reichen, glücklichen Leben.

Sechs Geschichten, sechs Lebensschicksale hat der mit „Nach fünf im Urwald“, „23“ und „Crazy“ bekanntgewordene Regisseur in seinem bislang ernsthaftesten und erwachsensten Film in einem Reigen verwoben, nach Short-Cut-Methode. Zwanzig Menschen, die in der einen oder anderen Weise im Niemandsland gestrandet sind. Da gibt es drei ukrainische Flüchtlinge, die auf der polnischen Seite der Grenze stranden, und die deutsche Übersetzerin Sonja, die für einen von ihnen plötzlich von einer Art Helfersyndrom gepackt wird. Es gibt den gutmütigen Taxifahrer Antoni, der zum Schlepper wird, um seiner Tochter ein Kommunionkleid zu finanzieren, und den Matratzenverkäufer Ingo, der versucht, in Frankfurt/Oder ein Geschäft aufzubauen. Es gibt die schmierigen Investoren und Architekten aus dem Westen, die den Frankfurtern das Geschäft ihres Lebens versprechen, und es gibt die halbwüchsigen Zigarettenschmuggler, deren Leben am Ende ist, bevor es begonnen hat.

Sie sind Schlepper, Schmuggler oder Betrüger. Und sie alle suchen Liebe, Freiheit, Erfolg oder Glück. Sie wollen das Richtige und tun das Falsche, immer. Doch mit kaum einer seiner Figuren verliert Schmid jemals die Sympathie: nicht mit dem jungen Architekten, der seine polnische Freundin aus Karrieregründen im Stich ließ und nun merkt, dass er zu viele Kompromisse gemacht hat. Nicht mit dem Schmuggler, der aus Liebe zum Verräter wird, und nicht mit dem Taxifahrer, der seinen Schützlingen am Ende das letzte Geld stiehlt. Nicht mit dem Ukrainer, der seine Retterin bestiehlt, und vor allem nicht mit dem schmierigen Matratzenverkäufer, der längst den Boden unter den Füßen verloren hat. Sie haben keine Chance im Leben und strampeln doch mit aller Kraft, buckeln nach oben und treten nach unten.

Man hätte sich gewünscht, dass nicht Wolfgang Beckers „Good Bye, Lenin!“, sondern Hans-Christian Schmids „Lichter“ unlängst beim Deutschen Filmpreis die Goldmedaille gewonnen hätte. Beckers freundliche DDR-Nostalgie ist Vergangenheit. „Lichter“ ist die Gegenwart.

Delphi, International, Kino in der Kulturbrauerei, Neues Off

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