Kultur : Nach Vineta

Vor zwei Jahren in der Dramaturgie des Hamburger Thalia Theaters. Wir beraten das Thema für ein neues Stück. Der eine Dramaturg, der auch Autor ist, war in Reutlingen, wo er gerade aus seinem Buch gelesen hatte, um 6 Uhr morgens auf den Zug gesprungen, um jetzt um 12 in Hamburg zu sein. Allerdings musste er um 14 Uhr bereits auf den nächsten Zug nach Fulda, wo er am Abend wieder lesen sollte. Jetzt klärte er mit Reutlingen die Reisekostenabrechnung per Handy und synchron mit Fulda die nächste Anreise per Festnetz, um irgendwann in beide Telefone zu sagen: "Warum mache ich das alles?"

Leider beachtete ihn niemand. Der andere Dramaturg lag nämlich mit einem Ohr auf dem Boden, weil er in Seitenlage einen Brei aus einem Topf einnehmen mußte wegen seiner Magenschleimhautentzündung, die er auf Zeitmangel und seinen unvollendeten Gorki-Essay zurückführte, der morgen in Druck müsse und außer Gorkis Geburts- und Todesdatum noch nichts enthalte. Die andere Dramaturgin starrte bewegungslos aus dem Fenster; ihr Freund und sie hatten am Morgen beschlossen, dass sie sich wegen des Jobs auseinandergelebt hätten. Dann ging die Tür auf, und der Intendant kam rein und sagte, es tue ihm leid, er habe heute 27 Termine, er wisse auch nicht, was das soll. Dann schaute er noch einmal kurz in den Topf mit dem Brei und ging.

Ich beschloss, ein Stück über das Thema "Arbeit" zu schreiben. Als erstes rief ich in Hamburg bei einer Stelle für Suchtberatung an: "Guten Tag, ich leide an Aktionismus! Gibt es eine Aktionssucht?" Eine Sucht also, die die Arbeit wie ein Fetisch feiert, aber sie eigentlich total verhindert, so dass am Ende nur noch der Aktionismus übrigbleibt.

Ja, so etwas gebe es, hieß es. Allerdings fasse man das doch unter "Arbeitssucht" zusammen. "Wollen Sie sich denn in eine Klinik für Arbeitssüchtige einliefern lassen?"

Als ob ich es geahnt hätte! Es gibt Kliniken für Arbeitssüchtige! In jedem zweiten Porträt über unsere Politiker, Manager und Promis wird ja gesagt, dass sie richtige "Workaholics" seien, denn "von nichts kommt nichts!" - und es gibt auch kein "Recht auf Faulheit", sagte der Kanzler. Aber dass manche dieser Leute total abdrehen - will das unsere Gesellschaft überhaupt hören?

Ich habe mir sofort Fachliteratur zum Thema besorgt und bin mit der Habilitation "Ist Arbeitssucht ein Segen für das Unternehmen?" nach Hessen in eine Klinik gefahren. Wenn ich schon im Theater in einer Dramaturgie sitze, wo die Menschen mit Brei auf dem Boden liegen, dann kann ich auch gleich in die Klinik gehen, um dort an meinem Stück "Republik Vineta" zu arbeiten.

Die Welt ist wirklich verrückt. Ich begegnete einem arbeitssüchtigen Pfarrer, der, so hieß es, in seiner Gemeinde, zu Hause und im Bett nicht mehr aufhören konnte zu predigen. Ich beobachtete einen arbeitssüchtigen Beamten, der heimlich in seinem Gymnastikbeutel einen Aktenordner durch die Parkanlagen trug und hinter einem Busch dann arbeitete. Es gab Putzfrauen, Kapitäne, Chemiker, Ärzte, Bäcker - alle arbeitssüchtig. Man dürfe nicht glauben, sagte ein Therapeut, der sich selbst als arbeitssüchtig bezeichnete, dass die Arbeitssucht nur Menschen befalle, die dem Ruhm oder dem großen Geld nachjagten. Es könne jeden treffen. In Japan sei Arbeitssucht, "Karoshi", sogar eine offizielle Todesart.

Damals, als ich jenen zarten Mann mit seinem viereckigen Gymnastikbeutel im Park stehen sah, dachte ich an die bekannte Drohung von Jeremy Rifkin, an sein "Ende der Arbeit" und was wohl mit einer Gesellschaft geschieht, in der einerseits die Menschen nur noch gelernt haben, ihren Wert durch Arbeit zu definieren, es aber andererseits keine Arbeit mehr gibt. Doch wieviele Menschen kennen wir, die, wenn wir sie fragen, wie es ihnen geht, antworten, was sie gerade arbeiten. Und was werden die dann, wenn wir bei Rifkin ganz angekommen sind, erzählen?

Mein Gott, es wird nichts Groteskeres und Trostloseres geben als eine Gesellschaft voller arbeitssüchtiger Arbeitsloser.

Ich habe mir oft den Dramaturgen vorgestellt, wie er in dem längst geschlossenen Theater immer noch seitlich auf dem Boden liegt, seinen Brei isst, aber kein Mensch mehr seinen Gorki-Essay braucht. Oder meinen Kollegen, wie er in Fulda in einem leeren Lesesaal sitzt und überlegt, wo er denn morgen zum Lesen hinfahren könnte. Vielleicht nach Vineta.

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