Kultur : Nach zehn Stunden hatten hunderte Zuhörer noch nicht genug

Carsten Niemann

Nicht jeder, der sich am Sonnabend in Richtung Potsdamer Platz auf den Weg machte, wollte zur Berlinale. Manche hatten statt dessen den festen Vorsatz, im Namen der Kunst mehrere Stunden in einem fensterlosen Saal zu verbringen. Nur wenige Schritte vom Cineastenrummel entfernt hatten nämlich die Hüter der Philharmonie in den Kammermusiksaal zu ihrem Schubert-Marathon geladen.

Marathon: Klassik-Kenner und Philharmoniker-Freunde verbinden damit seit einigen Jahren eine Konzertveranstaltung mit etwa zehn Stunden Kammermusik und Liedern, gespielt von kleineren Ensembles der Berliner Philharmoniker und von Gästen des Orchesters. Wer dachte, dass ein Musik-Marathon eine Veranstaltung für junge Sprinter wäre, wird überrascht: Zum großen Teil sind es nämlich eher graumelierte Damen und Herren die sich den zum Eintritt berechtigenden lila Button mit einem Schweißband-bekränzten Schubert an die tadellose Garderobe heften.

Fülle sorgt für Fitness

Vielleicht liegt es ja daran, dass es in der Pause keine isotonischen Durstlöscher und Traubenzucker-Rationen gibt, sondern Kellner mit gestärkten weissen Schürzen erlesene österreichische Spezialitäten reichen und das Glas Mineralwasser nicht unter vier Mark fünfzig zu haben ist.

Wer nüchtern kalkuliert, muss allerdings einsehen, dass bei vierzig Mark Eintritt der Minutenpreis von mehreren Stunden Spielzeit voll reiner Hochqualitäts-Musikdarbietungen selbst die Tarife etlicher Telefonanbieter unterbietet. Und so bleibt der Kammermusiksaal getreu den Gesetzen der Marktwirtschaft schließlich doch bis in die späten Nachtstunden sehr gut gefüllt.

Fülle sorgt für Fitness. Bei freier Platzwahl kämpft man schon vor Beginn des ersten Konzertblocks hart aber fair um die beste Startposition vor den Türen des Saals. Doch auch während des Marathons lockern sich die Glieder durch erfrischende Sprints: von der Videoleinwand, auf der die Konzerte live ins Foyer übertragen werden, hinein in den Saal, sobald die Musiker ihre Instrumente absetzen.

Als Moderator des Mammutprogramms ist Wilhelm Matejka verpflichtet, der als E-Musik-Chef beim SFB für den berühmt-berüchtigten Schubert-Almanach verantwortlich zeichnet und der als Wiener gleich doppelt für die Rolle des Conférenciers prädestiniert ist. Matejka gelingt es, die bisweilen etwas trockenen musikanalytischen Betrachtungsbrocken mit dem Schlagobers seiner wienerischen Diktion zu versüßen, und dabei frei sprechend und sich jovial im Uhrzeigersinn drehend ein wenig Gemütlichkeit im nüchternen Saal zu verbreiten. Gemütlichkeit braucht es auch, denn das Programm ist anspruchsvoll. Spätestens, nachdem das vom Athenäum Quartett dramatisch angegangene "Rosamunde"-Quartett die lebhafte Darbietung des großen Es-Dur-Klaviertrios durch das Vincent-Trio auszupunkten droht, beginnt das Publikum, die Pausen zwischen den Sätzen durch beherztes Husten ein wenig zu verlängern.

Ecossaisen zum Abtanzen

Im Foyer bieten Studierende der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" zwischen den größeren Programmblöcken Erholung: mit nett dargebotenen Wasser- und Fischerliedern, denen so mancher Vorbeiflanierende gerne ins Netz geht. Fast kommt ein wenig Schubertiaden-Atmosphäre auf, und man wünschte sich nur noch, dass jemand für die wenigen Kinder im Publikum - dem Nachwuchs eine Chance - einige frische Ecossaisen des Meisters zum Abtanzen spielte.

Statt dessen kann man in das Café des Musikinstrumentenmuseums pilgern, wo der Musikwissenschaftler Rainer Cadenbach, von einem Techniker dezent gegen das Prusten der Kaffeemaschine hochgeregelt, Gedanken zu Schuberts "unzeitgemäßer Kammermusik" ins Mikrofon plaudert. Hier im Museum gibt es auch die ungewohntesten Känge des Abends zu hören. In einem Workshop führt Gerhard Darmstadt den "Arpeggione" vor, eine Kreuzung aus Gitarre und Cello, für die Schubert seine berühmte Sonate schrieb. Den warmen, ätherischen Klang des Instruments wird man nicht vergessen, auch wenn dem berühmten Barockcellisten noch die Qualen anzumerken sind, die er beim Erlernen des wunderlichen Bastards auszustehen hat.

Zum anschließenden Vortrag über Schubert und das Hammerklavier von Eva Badura-Skoda bleiben nur die hartnäckig wissenschaftlich Interessierten und bekommen daher trotz beachtlicher Leistungen im Kurzstreckenlauf nur noch den begeisterten Applaus für die - leider einzige - Lieddarbietung im Hauptprogramm durch Stella Doufexis mit.

Halb zehn Uhr Abends: der fünfte und letzte Konzertblock beginnt. Gegen acht Uhr haben die ersten Schubertianer das Handtuch geschmissen - wenn auch meist mit der schmeichelhaften Begründung: "zu viel des Guten". Doch noch immer sind die Reihen gut gefüllt. Auf dem Programm der späten Stunde zwei in jeder Hinsicht große Spätwerke. Statt Müdigkeit größtmögliche Konzentration, fast Trance - nicht nur auf dem Podium, wo das Philharmonia-Quartett Schuberts letztes Streichquartett in G-Dur aufgelegt hat, sondern auch im Publikum.

Endspurt der Musiker

Wenn es einen Höhepunkt der Veranstaltung gibt, dann ist es dieser: Momente von großer Zartheit, Sensibilität und sinnendem Ernst, durchsichtig, sprechend und dabei unaufdringlich virtuos dargeboten. Mit begeistertem Applaus und zahlreichen, lauten Bravo-Rufen entlädt sich die Spannung und die Marathonisten sind bereit für den Endspurt. Marathon-Läufer sollen angeblich im letzten Streckenabschnitt wunderbare Minuten der Entrückung erleben, wenn die Beine von alleine zu laufen scheinen und Körper und Geist in der Anspannung auf das Ziel zu einer Einheit verschmelzen.

Ein vergleichbarer Effekt tritt ein. Plötzlich kommt der Moderator von Ganztonleitern und Durchführungsabschnitten unversehens auf himmlische Dankgesänge und die Ewigkeit zu sprechen; er verfällt dabei sogar unwillkürlich von der steten Rechts- in eine Linksdrehung. Das verfehlt seine Wirkung nicht: im zweiten Satz des Streichquintetts in C-Dur, das jetzt mit dem Apos-Quintett erklingt, könnte man den Atem des Sitznachbarn hören - würde der nicht gerade atemlos lauschen.

Für Schubert bedeutete Musik ein Mittel gegen die verschlingende Prosa des Lebens. An diesem Abend, wo die Menge nach zehn Stunden Musik tatsächlich noch die Stirn hat "Zugabe!" zu rufen, hat das Mittel gewirkt wie selten.

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