Nachdenken über Deutschland : Und der Haifisch ...

... der hat Zähne. Er heißt Peer Steinbrück. Die größte Bedrohung des Systems sind maßlose Banker. Wie ein Politiker deutsche Eliten Mores lehrt.

Peter von Becker

Banken, sagt Josef Ackermann zur kurzen Begrüßung, „agieren nicht im luftleeren Raum“, das habe „die Finanzkrise leider nachdrücklich“ gezeigt. Übelwillige könnten diesen Satz als halbe Freudfehlleistung gleich gegen den Chef der Deutschen Bank wenden. Doch Ackermann spricht nicht nur darüber, die eigene „Position als Marktführer weiter auszubauen“, sondern erwähnte eben auch die „soziale Verantwortung“ – und die zuerst für „die deutsche Gesellschaft“. Sogar das Wort „Heimat“ nimmt der Global Player für sich in Anspruch, und das klingt in Ackermanns gepflegtem Schweizer Idiom angenehm pathosfrei.

Die Alfred-Herrhausen-Gesellschaft (sie nennt sich „Das internationale Forum der Deutschen Bank“) hat in Berlin zusammen mit der „FAZ“ zum Nachdenken über das eigene Land eingeladen: was ja 60 Jahre nach Gründung der beiden deutschen Teilrepubliken und 20 Jahre nach dem wiedervereinigenden Mauerfall ziemlich Konjunktur hat. „Denk ich an Deutschland“ heißt das Motto der illustren Konferenz; damit wird natürlich auf Heinrich Heine angespielt, der freilich, wenn er in der Nacht um den Schlaf gebracht ward, im Pariser Exil nicht mit Grausen, sondern voller Sehnsucht an seine Mutter und das verlorene „Vaterland“ dachte.

Merkwürdig nur, dass Josef Ackermann hier unterm Patronat der Herrhausen-Gesellschaft bei so vielen Jubiläen mit keinem Wort seines berühmten Vorgängers gedenkt. Ackermann erwähnt nicht einmal, dass just vor 20 Jahren, am 30. November 1989, der damalige Chef der Deutschen Bank Alfred Herrhausen von bisher nicht ermittelten Terrortätern ermordet wurde.

Merkwürdig nur – oder ganz bezeichnend? Denn Herrhausen gilt als eine der letzten großen Figuren des auch sozialverantwortlichen Bankiers und Managers. Erst neun Stunden später, am Ende des Tages, an dem ein Viertelhundert wirkliche oder eingebildete Masterminds aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien über Deutschland und die Welt nachzudenken versuchen, wird der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück in einer beeindruckenden Rede als einziger auch Herrhausen zitieren: „Sagen, was man denkt, tun, was man sagt, und sein, was man tut.“

Am Anfang spricht im Atrium der Hauptstadtniederlassung der Deutschbanker der Publizist und Börne-Preisträger Henryk M. Broder. Börne war übrigens Heines publizistischer Widersacher, und Broder kommt gerade aus Indien, wo sich die meisten deutschen Sorgen recht kurios ausnehmen. In seiner brillant launigen Rede scheinen darum die schönsten Ambivalenzen auf. Wenn man „zur Vereinigungsfeier am 9. November“ Placido Domingo den Gassenhauer „Das ist die Berliner Luft“ singen lasse, während die Franzosen am Nationalfeiertag „ihre Armee aufmarschieren lassen“, dann sei das deutsche Exempel nicht unbedingt „ein Beleg für die Dominanz der Hochkultur“, aber einer „für das Voranschreiten der Zivilisation“. Broder teilt aus gegen Lafontaine, mokiert sich über die „absurde Debatte, ob die DDR ein Unrechtsstaat war“ und fragt: „Kann es zwischen Rechtsstaat und Unrechtsstaat noch ein Drittes geben? So wie der Alkoholismus der dritte Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus ist?“ Da muss auch Josef Ackermann in der ersten Reihe sehr herzlich lachen. Ja, sagt Broder, ein friedlich gewordenes Volk, das so tolerant sei, dass man seinen Sohn „Jihad“ (Heiliger Krieg) nennen dürfe, das „kann nur besser als sein Ruf sein“.

Apropos friedlich, vernünftig. Die Chefin des Allensbach-Instituts, Renate Köcher, berichtet, dass gut 60 Prozent der Deutschen ein Ende des Afghanistan-Einsatzes wünschen, aber in gleicher Zahl die deutschen militärischen Bündnisverpflichtungen akzeptierten. Ex-„Spiegel“-Mann Stefan Aust fragt daraufhin den früheren Generalinspekteur der Bundeswehr Harald Kujat mit Blick auf das umstrittene Bombardement eines Tanklastzugs: „Können die Deutschen es weniger ertragen, wenn ihre Soldaten Täter sind als wenn sie Opfer sind?“ Kujats Antwort: „Ja, ganz eindeutig.“

In solchen Momenten ist plötzlich Brisanz und Geistesgegenwärtigkeit zu spüren. Intellektuell erschütternd wirkt hingegen, wie stundenlang völlig abgedichtet gegen tiefere Einsichten und selbst offen liegende Realitäten diskutiert wird. Anders als beim satirischen Broder scheint die alte Bundesrepublik fast unter sich zu sein. Völlig abgehoben, wenn nicht ausgerastet erscheint da ein Vortrag des Schweizer „Weltwoche“-Chefs Roger Köppel, der den Staat zum Feind der Freiheit und den Markt weiterhin zum einzigen Maßstab erklärt. Laut Köppel könnten „Unternehmer in ihren Forderungen heute gar nicht radikal genug sein“. Ein Staatsverständnis, das der junge hessische Grünen-Fraktionsvorsitzende Tarek Al-Wazir kontert: „Ihre perfekte Gesellschaft ist ja Somalia.“

Endlich kommt Steinbrück. Vorher war von der Weltfinanzkrise fast nie die Rede. So, als spreche man im Haus des Henkers nicht vom Strick. Steinbrück spricht nun eine halbe Stunde frei, hoch präsent, eitel nur in der Sache. Er plädiert für Leistungs-, statt Herkunftseliten und nennt „die Finanzmarktkrise ein Eliteversagen“. Das gelte, wo sie Alarmsignale übersahen, auch für die Politik und die „Volksparteien ohne Volk“. Er schont keinen, auch „deutsche Intellektuelle“ hätten sich zuletzt „sehr rar gemacht“. Peter Sloterdijk, der zuvor über Massenkultur und neues deutsches „Savoir vivre“ doziert hatte, habe mit seiner jüngsten Steuerabschaffungsidee noch keinen intellektuellen Beitrag zur Krisenbewältigung geleistet. Auch für die Steuerpläne der schwarz-gelben Regierung hat Steinbrück nur ein Haifischlachen übrig: „Glauben Sie denen?“ Dann wird er leise.

Und denkwürdig: „Dieses Wirtschaftssystem wird nicht durch radikale Linke oder Rechte infrage gestellt, sondern durch die Protagonisten des Systems selber, durch ihre Maßlosigkeit und Verantwortungslosigkeit.“ Steinbrück, der auch in finanzwirtschaftlichen Details brilliert, erhält dafür Ovationen von 300 Zuhörern aus Wirtschaft und Politik, die vorher auch den Marktradikalen applaudiert haben. Nur Josef Ackermann war schon lange nicht mehr anwesend.

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