Kultur : Nachdenken über einen leeren Stuhl

Christoph Funke

Mit dem Misstrauen gegenüber der ruhigen Harmonie ehelicher Beziehungen geht der 1954 in Brooklyn geborene amerikanische Dramatiker Donald Margulies zurückhaltend und vorsichtig um. Die unheilbare Verletzung beim Auseinandergehen von Paaren beschreibt er in seinem Stück "Freunde zum Essen" nicht. Und doch will er Verborgenem auf die Spur kommen, den vom Alltag der Ehe unterdrückten geheimen Wünschen und Antrieben. Dabei aber führt er seine Figuren auf einen fast schon heiter beschwingten Weg der Erkenntnis, und der Schreck der Trennung mündet am Ende sogar in ein neues, belebendes Glück.

Zwei Paare aus wohlversorgtem bürgerlichem Mittelstand, einander seit Jahren freundschaftlich verbunden, sind plötzlich, bei der traditionellen Einladung zum Essen, auf eine Dreierbeziehung reduziert: Tom, der Rechtsanwalt, verlässt Beth, die Hobbymalerin. Gabe und Karen, etwas älter, den beiden fürsorglich-beschützend zugetan, bleiben zusammen und beobachten verwundert, wie Freund und Freundin schnell eine neue Beziehung finden. Das lässt sie plötzlich verstörende Entdeckungen in ihrer eigenen Ehe machen, der Boden einer scheinbar unverrückbar verlässlichen Beziehung schwankt ein wenig - und kommt wieder ins Gleichgewicht. Mehr geschieht nicht, Donald Margulies begnügt sich mit dem munteren Geplauder der Vier, die das unerwartete Ereignis des Auseinandergehens miteinander aufarbeiten.

Die kleine freundliche Geschichte ohne den bescheidensten Versuch sozialer oder gar politischer Verankerung wäre in ihrer beliebigen Zeitlosigkeit zu vergessen, gäbe sie nicht Schauspielern reiche Möglichkeiten, ihr Können zu beweisen. Dietmar Pflegerl hat seine lockere, beschwingte, rhythmisch präzise Inszenierung im Renaissance-Theater auch ganz auf die Komödianten abgestimmt. Er macht die privaten, durchschnittlichen Vorgänge zum Ereignis, indem er aus dem geschickt gebauten Text Witz und Gescheitheit herausholt. Veranstaltet wird so ein staunenswert unterhaltsames Seminar über das Zusammenleben von Männern und Frauen.

Gerd Wameling zeigt die Ausgeglichenheit des Familienvaters Gabe mit einem köstlich mephistophelischen Einschlag, arbeitet schlafwandlerisch sicher mit einer Gefasstheit, die kaum merkbar in Gefahr gerät, wenn die Hände das Gesicht verdecken, der Stuhl als sicherer Platz fürs Nachdenken gesucht wird. Ein Versteckspiel findet statt, das winzigste Abweichungen vom Beherrschtsein zum Ereignis macht. Winfried Glatzeder zeigt den untreuen Tom als einen jungenhaft Ungeduldigen, der sich rücksichtslos und fordernd dem neuen Lebensentwurf stellt. Die Frauen führen Maria Hartmann und Sona MacDonald mit quirligem Temperament durch die Wirrnisse weiblicher Solidarität und Konkurrenz. Bei ihnen, wie bei den Männern, sind es die unvermuteten Abstürze aus der Normalität, die Umschläge der Freundschaft, das Pendeln zwischen Ruhe und Zorn, Verständnis und Anklage, die das Spiel sehenswert machen. Diesen ständigen Wechsel der Stimmungen zu beobachten, ist ein Vergnügen, ist Schauspielkunst, von allem Wissensqualm entladen.

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