Kultur : Nachladen und Sichern

Hier tragen Trendsetter keinen Schlips. Rundgang über die erste Berliner Popkomm

Kai Müller

Sie wollen einen Plattenvertrag. „Wir hören bei Konzerten ständig“, sagt Tony, Sänger von den Marvellers aus Berlin, „dass wir schon wieder einen Hit geschrieben haben.“ Deshalb sind Tony und sein Schlagzeuger Alex zum Messegelände gefahren. 92 Euro kostet es, auf die Popkomm zu gelangen, also dorthin, wo vielleicht ein Musikmanager oder Verleger, ein Agent oder irgendjemand sonst sich für ihre Musik begeistern könnte. Ansprechpartner haben sie keine. Aber Tony hat zufällig auch die Pokale für das Popkomm-Fußball-Turnier hergestellt und deshalb Freikarten bekommen. „Man fühlt sich wie ein Bettler“, fasst er die Gespräche mit den Plattenleuten zusammen. „Ich weiß nie, was die erwarten.“ Jeder sagt ihnen etwas anderes. Einmal heißt es, sie sollten unbedingt Deutsch singen, weil der internationale Markt für sie als deutsche Band ohnehin nicht in Frage komme. Dann wieder wäre es besser, Englisch zu singen. Und manche glauben, dass sowieso alles keinen Zweck hat.

„Die Popkomm soll mit Berlin in einen kreativen Dialog eintreten.“ Das hatten die Veranstalter vor einem Jahr verkündet und so den Umzug von Köln in die selbst ernannte Pop-Hauptstadt an der Spree gerechtfertigt. Die weltgrößte Musikmesse wollte mit dem Ortswechsel „Impulse aus der Stadt aufnehmen und selbst ausstrahlen“. Für Bands wie die Marvellers, die sich nur in die U-Bahn zu setzen brauchen, um die richtigen Leute zu treffen, ist die 16. Popkomm ein Segen. Das Berliner Quartett hofft, dass heute Abend, wenn sie in der alten Kantine der Kulturbrauerei ein Konzert geben, vielleicht der eine im Publikum steht, der ihnen geben kann, was sie wollen: einen Vertrag.

Trotzdem ist es symptomatisch für die Popindustrie, dass sie ihre Umsatzkrise durch eine Veränderung der äußeren Bedingungen beheben zu können glaubt. Statt sich zu fragen, warum immer weniger Menschen für CDs Geld ausgeben, werden Umzugskisten gepackt. Statt angesichts eines neuerlichen Umsatzrückgangs von beinahe 20 Prozent (2003) über eine nahe Zukunft nachzudenken, in der es vielleicht keine materiellen Tonträger mehr gibt, wird der Geist eines neuen Ortes beschworen. Leider sind die Probleme da immer noch dieselben. Und Berlin, diese dankbare Projektionsfläche, kann sich bald nicht mehr retten vor seinem guten Ruf.

Das klingt jetzt schlecht gelaunt. Die Popkomm hat das nicht verdient. Denn eigentlich ist der Insidertreff eine wunderbar unmögliche Veranstaltung – jeder weiß das und erfreut sich am Glück des Absurden. Trendsetter mit blondierten Haaren, die sich nie und nimmer einen Schlips umbinden würden, stehen auf stereotypen Messeständen herum und geben sich seriös. Aus zahllosen Kojen hämmern lautstarke Beats. Leute laufen hektisch durcheinander. Überall begegnet man einer großen Bejahung. Es wird sich viel umarmt. Dazischen sieht man ergraute Männer mit Zopf und Dreitagebart über einen Stapel CDs gebeugt, den sie langsam abtragen, indem einer sie dem anderen einzeln über einen niedrigen Plastiktisch zuschiebt. Früher, als eine CD sich entweder gut oder schlecht verkaufte, wurde hin und wieder entsetzlich geprahlt. Das tut heute keiner mehr.

Mit einer Ausnahme. Sein Name ist Eddie Cue, und als Miterfinder des iTunes- Systems kann er sich das wohl auch leisten. In seinem Vortrag preist er die 17-monatige Erfolgsstory des digitalen Plattenladens von Apple an, der 60 Prozent des globalen Marktes dominiert. Vor dem verdutzten Publikum zeichnet Cue die Grundzüge des Download-Rezepts nach („First of all: Keep it simple“), das den Musikkonsum revolutionieren wird. Denn Apple tritt nun auch als Initiator von Musikstücken auf, die im Internet exklusiv vertrieben werden. Auch dürften sich die Veröffentlichungszyklen deutlich verkürzen. Bislang verstreichen 18 bis 24 Monate zwischen zwei Platten. Doch das Internet erlaubt, öfter kleinere Song-Mengen zu veröffentlichen.

Wie im Fall des Fernsehens droht die Tonträgerindustrie zum Juniorpartner eines Mediums zu werden, das die Massen viel leichter verführt, weil es sie zu Hause erreicht. So ist das Internet auch zehn Jahre nach Erfindung des MP3-Formats die offene Flanke der Musikindustrie. Gerade erst ist mit dem Internet-Shop „Phonoline“ der jüngste Versuch gescheitert, die musikalischen Archive der großen Major-Firmen zu bündeln und online zugänglich zu machen. Entnervt zogen sich die Plattenmultis nach sechsmonatiger Betriebsdauer aus dem Geschäft zurück; Einkaufen war da zu kompliziert.

Wie es besser gehen könnte, demonstrieren zwei unkonventionelle Radioprojekte. Der Berliner Techno-DJ Paul van Dyk hat mit Vradiostation ein Internetlabel initiiert, das wie ein virtueller Sender ständig ausgewählte Elektro-Tracks abspielt, ein Klick genügt, um einen Song zu erwerben. Bei dem vom ehemaligen Universal-Chef Tim Renner ins Leben gerufenen Radio „Motor FM“, das sich derzeit um eine Ukw-Frequenz bemüht, soll es einmal ähnlich funktionieren. Wobei Renner davon träumt, dass sein Sender dereinst über Mobiltelefone ebenso zu empfangen ist wie im Internet. Das ist Zukunftsmusik, gewiss. Aber angesichts solcher Visionen, bei denen Musik für ein ortloses Zeitalter gemacht wird, muss sich die Tonträgerindustrie schnell etwas einfallen lassen, wenn sie nicht bald nur noch Urheberrechte verwalten will.

Trotzdem haben Newcomer wie The Marvellers den Glauben an die gute alte Plattenindustrie nicht verloren. Mehrfach schon haben sie Vorverträge unterschrieben; nie wurde etwas daraus. Auf dem Cover der CD, die sie aus dem Rucksack ziehen und die sie etwa 3000 Euro gekostet hat, ist ein pinkfarbener Damenschuh zu sehen. Der Pfennigabsatz ist abgebrochen. „Schmutzige Tanzmusik“ nennen Tony und Alex das, was sie machen. Und sie sagen noch: „Wie Berlin eben.“

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