Nachlass : Klaus Kinski: Neuestes vom Hexer

Keiner war lauter: Ein opulenter, 400 Seiten starker Band aus seinem Nachlass zeigt Klaus Kinski als Pionier der Selbstvermarktung.

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Klaus Kinski mit seinem Segelschiff, der „Joshua“.Alle Bilder anzeigen
Foto: © Minhoi Loanic
04.10.2011 15:20Klaus Kinski mit seinem Segelschiff, der „Joshua“.

Am Ende hatte sich Klaus Kinski gänzlich vom Maniac zum Misanthropen gewandelt. Viertägige Verhandlungen waren nötig, um ihn – „was soll der ganze Scheiß?“ – davon zu überzeugen, das zugesagte, dann aufgekündigte Interview fürs deutsche Fernsehen doch noch zu geben. Schließlich hockt er auf einer Felsklippe, der Wind bläst durch seine langen weißen Indianerhaare, unter ihm schäumt der Pazifik. Kinski schimpft, schreit und stichelt, ein Stakkato der Empörung. Die Fragen: „dumm“. Das Wort Schauspieler: „ekelt mich an“. Ein Mensch, der sich auf der Straße befremdet nach ihm umgedreht hat: „ein Stück Scheiße“.

Aber irgendwann ist der Zorn verflogen, Kinski erschlafft und kuschelt sich in den Schoß seiner Gesprächspartnerin Désirée Nosbusch, damals 17 Jahre alt, und sagt: „Bei Dreharbeiten schlafe ich immer ein.“ Statt sich von der Jungmoderatorin für ihre Reihe „Zeit zu Zweit“ befragen zu lassen, hätte der legendäre Sexualprotz sie wahrscheinlich lieber verführt. Als am Stinson Beach, unweit von Kinskis letztem Wohnsitz im kalifornischen Lagunitas, ein uniformierter Parkwächter auftaucht und nach der Drehgenehmigung fragt, versichert der Angesprochene: „Ich bin ein Filmstar.“ Der Beamte lacht und kann es nicht fassen: Dieser alte Mann mit der Nicht-Frisur – ein Filmstar?

Das 1982 entstandene Fernsehgespräch, das vor kurzem auf einer DVD herauskam, endet auf einer Sommerwiese. „Wie warst du als Junge?“, will Nosbusch wissen. Kinski: „Ich habe mich gewundert, dass die Leute immer zu mir gesagt haben: Was hast du für große Augen?!“ Nosbusch: „Dein Mund ist auch nicht klein.“ Kinski: „Meine Mutter hat gesagt, ich soll nicht so viel schreien, dass er nicht so groß wird.“ Aber das Lautsein konnte der Schauspieler, Autor und Performer, der vor 85 Jahren in Zoppot bei Danzig geboren wurde und vor 20 Jahren in den USA starb, einfach nicht lassen.

Einen größeren Egomanen hat der deutsche Film bis heute nicht hervorgebracht, Kinskis Kunst hatte immer wieder dasselbe Thema: Kinski. Schon dreißig Jahre zuvor hatte er sich narzisstisch mit seinem Äußeren beschäftigt. „Seine Augen sind groß und schwer und traurig und alt und schreiend voll empörerischen Feuers und kindlicher, jugendlicher Hoffnung“, heißt es schwärmerisch in einer frühen Selbstbeschreibung. Die mit „ ,Leben’ bis Sommer 1952“ überschriebene Würdigung, ein bislang unbekannter Vorläufer seiner Skandal-Autobiografien „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ (1975) und „Ich brauche Liebe“ (1991), erscheint nun zum Doppeljubiläum in einem monumentalen Band voller Fotos, Texte und Zeichnungen als „Vermächtnis“ aus dem Nachlass.

Der Anfang der fünfziger Jahre nach ersten Theatererfolgen bereits so berühmt wie berüchtigte Schauspieler tarnt sich als objektiver Biograf seiner selbst und schreibt in der dritten Person. Statt wie im „Erdbeermund“ um den großen Erotomanen („Es kommt ihr so oft, dass ich mich verzähle“) geht es hier vor allem um den überragenden Künstler. Dieser Kinski sei der „größte Schauspieler des 20. Jahrhunderts“, konstatiert Kinski, in Cocteaus Stück „Schreibmaschine“ habe er so überzeugend einen Epileptiker gespielt, dass eine Zuschauerin beinahe eine Frühgeburt erlitten haben soll.

Lesen Sie auf Seite zwei mehr über die „Überintensivität“ Kinskis.

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