Kultur : Nachrichten aus dem Zwischenreich

Im Kino: Zwei Frauen wagen die „Reise nach Kafiristan“

Kerstin Decker

George Bush soll vor zwei Jahren noch gar nicht gewusst haben, wo das überhaupt liegt: Afghanistan. Woran man erkennt, dass es nicht schwer ist, klüger zu sein als der amerikanische Präsident. Aber Kafiristan? Gut, dass „Hindukusch“ uns inzwischen genauso vertraut klingt wie der Harz oder der Thüringer Wald. Und gleich hinter dem Hindukusch, nördlich von Kabul, liegt eben Kafiristan. Kafiristan heißt so viel wie „Land der Ungläubigen“, weil der Hindukusch so hoch ist, dass selbst der Prophet Mohammed es lange nicht hinüber schaffte.

Den beiden jungen Schweizerinnen Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart ist der Prophet im Grunde egal. Sie sind auf der Flucht vor einem künftigen Krieg und finden, Afghanistan ist genau das richtige Land, um Kriegen zu entkommen. Wir schreiben das Jahr 1939. Und außerdem sind die beiden Frauen auf der Flucht vor sich selbst. Vor allem Annemarie Schwarzenbach: Sehr jung, sehr schön, sehr lesbisch, sehr rauschgiftsüchtig, sehr unglücklich – und sehr verliebt in Erika Mann. Eine Schriftstellerin.

Ella Maillart, die Gefährtin, ist ebenfalls Schriftstellerin. Und außerdem noch Seglerin (Olympische Spiele 1924), Stuntfrau, Mitglied der Schweizerischen Ski-Nationalmannschaft und Gründerin des ersten Damen-Hockeyvereins der Schweiz. Begonnen aber hat die Tochter eines reichen Pelzhändlers als Kabinenjunge auf einer Mittelmeerjacht. Welche Ungewöhnlichkeiten soll sich so eine noch vornehmen? Da bleibt eben nur noch Kafiristan.

Allein durch die Wüsten der Länder Mohammeds. Zwei Frauen und ein Auto. Uns kommt das heute beinahe waghalsig vor. Aber wahrscheinlich waren Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart nur Teil einer ganz normalen Jugendkultur. Immerhin hatte Annemarie Schwarzenbachs unglückliche Liebe, Thomas Manns Tochter Erika, schon acht Jahre vorher ein 10 000 Kilometer langes Autorennen durch Südeuropa gewonnen und nebenbei Reportagen geschrieben. Und mindestens genauso viel gekifft wie Annemarie.

Nur, wie soll man daraus einen Film machen? Sind Autofahren, Kiffen, Unglücklichsein und Schreibmaschineschreiben schon eine Handlung? Egal: „Die Reise nach Kafiristan“ der beiden Schweizer Brüder Fosco und Donatello Dubini zählt zu jenen poetischen Filmen, in denen nichts so stören würde wie eine Handlung. Filme können Gedichte aus Bildern sein. Dieser hier ist eins, mit dem herben Frauengesicht von Nina Petri (Ella Maillart) und dem weichen Mädchengesicht von Jeanette Hain.

Kein Mensch in dieser Welt, durch die die beiden Frauen fahren, könnte dieses Leiden an sich selber, das sie treibt, verstehen. Und man möchte überhaupt fürchten um das Mädchen mit den kurzen Haaren und den Herren-Maßanzügen in einer Kultur, die Frauen und Männer, das Männliche und das Weibliche so urtümlich streng scheidet. Und auch um die Frau mit dem herben Gesicht. Was für ein androgynes Paar!

Aber seltsam: Diese beiden Zwischenwesen passieren alle Grenzen in einer Welt, die kein Dazwischen duldet.

In Berlin in der Brotfabrik, der Filmbühne am Steinplatz sowie im Moviemento .

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