Kultur : Nachrichten

Vergessen Sie nicht, dass ein Zufall Sie in der Einkaufsmeile zusammengeführt hat, keine feste Verabredung. Sie wissen doch gar nicht, ob die Bekannte voller Muße und begierig auf Abwechslung unterwegs war, wie Sie selbst möglicherweise. Kann doch sein, dass sie sich im letzten Moment losgerissen hat von zu Hause, um eine dringende Erledigung zu machen. Mag sein, dass sie sich gefreut hat, Sie zu treffen, aber einfach nicht genug Zeit zum Plaudern hatte. Ganz falsch finde ich es, gekränkt zu sein, weil sich eine unverhoffte Begegnung nicht so ausgedehnt hat, wie Sie es schön gefunden hätten. Eine alte Bekannte ist Ihnen in keiner Weise Rechenschaft schuldig. Vielleicht gab es auch einen traurigen Hintergrund für die Eile. Die meisten Erlebnisse von Kränkung gehen nach meinem Eindruck darauf zurück, dass man zu schnell negative Intentionen unterstellt. Dabei wäre es viel besser, wenn man versucht, sich seinerseits in andere Menschen einzufühlen.

Eine zufällige Begegnung kann Anlass sein, eine alte Beziehung wieder aufleben zu lassen. Wer aber erwartet, da gleich alle möglichen gemeinsamen früheren Freunde und Bekannten durchzuhecheln, verkennt auch die Möglichkeit, den Gesprächspartner unwillentlich in Verlegenheit zu bringen, weil sich Beziehungen und Sichtweisen ja wandeln. Bei der nächsten Zufallsbegegnung bitten Sie vielleicht von sich aus um einen gelegentlichen Anruf zwecks Verabredung zu einem ruhigeren Treffen. Und seien Sie bitte nicht gekränkt, wenn der dann ausbleibt.

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