Kultur : Nachrichten

Herr Renner, Herr Summen, wann haben Sie zum letzten Mal einen Song aus dem Internet heruntergeladen?

RENNER: Gestern. Da habe ich für meine Teenager-Tochter einen Song von Mia runtergeladen.

SUMMEN: Bei mir ist das etwa drei Wochen her. Da musste ich die neue Single von Stereolab haben. Das war ein legaler Gratisdownload. Ich höre viele MP3s auf den Websites von Bands, aber Alben kaufe ich nur auf Vinyl, gelegentlich auch auf CD. MP3s kaufe ich nie, ich habe auch keinen iPod. Mit der MP3-Komprimierung habe ich ein grundsätzliches Problem, weil ich als Musiker sofort den klanglichen Unterschied höre. Es gefällt mir nicht, dass der Sound durch die Komprimierung gleichförmig wird. Mir fehlt da einfach etwas.

RENNER: Ich hab natürlich einen iPod, meine Töchter und meine Frau auch. Es gibt also bei uns in der Familie Downloads. Aber Sachen, die ich wirklich mag, kaufe ich mir auf Vinyl. Am besten finde ich es, wenn die Labels dann noch einen Download-Code beilegen, so dass man sich die Musik auch noch mal als MP3 aus dem Netz holen kann. CDs kaufe ich eigentlich gar nicht mehr, höchstens als Geschenk. Vinyl oder Download, das sind für mich die Alternativen.

Immer mehr Hörer sind nicht mehr bereit, für Musik zu bezahlen und laden sich die Songs illegal herunter. Fühlt man sich als Musiker da nicht um den Lohn seiner Arbeit gebracht?

SUMMEN: Ich kenne die Zeit nicht mehr, in der Bands so viele Platten verkauft haben, dass es nach dem Break Even, dem Einspielen aller Kosten also, noch zu riesigen Ausschüttungen kam. So etwas haben wir bei den Türen leider nie erlebt. Bei uns gab es höchstens Vorschüsse, die wir in die Plattenproduktion gesteckt haben.

Noch vor zehn Jahren konnten auch mittelgroße Indie-Bands wie die Sterne von ihren Plattenverkäufen leben. Empfinden Sie so etwas als die Ungnade der späten Geburt?

SUMMEN: Ja, klar. Aber ich weiß auch von großen Bands wie Tocotronic, dass selbst bei denen die Zahlen stagnieren. Da gibt es dann eine Fanbase, die mit der Band gewachsen ist, die alle Alben besitzt und dann das jeweils neue Album auch kauft. Neue Fans scheinen aber nicht dazuzukommen.

RENNER: Wir haben seit 1999 einen abfallenden Markt, was in erster Linie ein Absterben des Mittelstandes bedeutet. Durch die Digitalisierung entsteht sozusagen eine präindustrielle Gesellschaftsform: Es gibt ganz viele ganz unten und wenige ganz oben. Die, die unten sind, können gerade so überleben und denen oben geht es nach wie vor prächtig. Zerquetscht wurden alle, die dazwischen stehen. Das sind Bands wie die Sterne, die zwischen 20 000 und 80 000 Alben verkauft haben. Die Plattenverkäufe waren ein wichtiger Bestandteil ihrer Einnahmen. Bei den ganz Großen, wie etwa Rammstein, machten die Albumverkäufe schon in guten Zeiten nur etwa ein Viertel der Einnahmen aus. Der Rest kam aus Live-Auftritten und Merchandising. Für solche Bands ist es dann auch nicht so schlimm, wenn ihre Musik umsonst verfügbar ist. Denn das erweitert den Fankreis, wodurch noch mehr Leute zu den Konzerten kommen und Merchandising-Artikel kaufen. Für die kleinen Bands, die ohnehin kein Geld für eine Plattenproduktion haben, sind illegale Downloads ebenfalls nicht so schlimm. Schließlich werden sie so bekannter, bekommen vielleicht Auftrittsmöglichkeiten. Aber alle im Mittelfeld leiden.

Die heutigen Stars sind aber fast ausschließlich Bands, die im alten System groß geworden sind.

RENNER: Ja, es ist wenig nachgekommen. Das ist das Problem. Wenn jetzt ein Künstler auf einem Label wie Motor anfängt, braucht er dringend jemanden, der ihn während der undankbaren Zwischenstrecke trägt. Das sieht man bei einer Band wie Polarkreis 18. Da freuen wir uns natürlich, dass das so gut losging mit denen, aber sie jetzt von einem Level von 10 000 bis 20 000 verkauften Platten auf das nächste – also so 80 000 – zu heben, dazu fehlen uns einfach die Mitteln. Das geht allerdings auch immer mehr Major-Firmen so.

Element of Crime haben den kommerziellen Durchbruch erst mit ihrem sechsten Album geschafft. So viel Zeit lässt heute keine Plattenfirma mehr einer Band.

RENNER: Da sind wir schon bei einem Bestandteil der Krise, die ja nicht nur ein verpasster Formatwechsel vom Album mit zwölf Songs zum legalen Download ist. Die Musikwirtschaft ist durch den Erfolg der CD in die Logik der Finanzmärkte gekommen. Häufig sind die Unternehmen börsennotiert und es zählen die Quartalsergebnisse. Für Bands in der Größe von Element of Crime ist da schlichtweg keine Zeit mehr. Damals war das Engagement für die Band vertretbar, denn es wurde nicht viel für Marketing ausgegeben. Auch wenn John Cale die zweite Platte produziert hat, war das noch eine sehr günstige Produktion. Die hat 20 000 Mark gekostet, plus John Cale, der ungefähr noch mal so viel bekommen hat. Wenn du dann davon 15 000 Stück verkauft hast, ging das schon. Heute wäre die Manpower gar nicht gegeben, sich länger mit so einer Band zu beschäftigen. Der Druck wäre viel zu groß, dass das Geld wieder reinkommt. Allerdings entsteht so auch kein Katalog mehr, der ja das Kapital jeder großen Plattenfirma ist.

Herr Renner, in Ihrem Buch erklären Sie die großen Plattenfirmen für überflüssig, wenn sie ihr Geschäftsmodell nicht umstellen. Was muss sich ändern?

RENNER: Eine Entwicklung von Musik kann nur über Zeit passieren. Wenn du nicht die Nerven und die Möglichkeiten hast, mit einer Band für drei Alben – sprich etwa fünf Jahre – zusammenzuarbeiten, fang gar nicht erst an. Dabei ist heute eigentlich egal, wer du bist, ein Konzertveranstalter, ein Management oder eben eine Plattenfirma. Das Gute ist, dass eine Band am Anfang noch niemanden braucht, weil man für ein Album nicht mehr 20 000 Mark benötigt, sondern es auch für 2000 Euro hinbekommt.

Wie teuer war das letzte Album der Türen?

SUMMEN: Etwa 3000 Euro. Wobei wir uns fast alles im Freundes- und Bekanntenkreis zusammengeschnorrt haben. Man nutzt ungebuchte Zeiten in Studios, unser Grafiker arbeitet sonst für BMW. Er kann es sich dann leisten, zwei Wochen am Artwork unserer Platte zu feilen.

Herr Renner, die Verschmelzung von Label, Management und Konzertveranstalter wird derzeit unter der Überschrift 360-Grad-Vertrag schon von einigen Plattenfirmen praktiziert. Dabei gibt ein Künstler alle Rechte ab. Können Sie verstehen, dass sich Bands versklavt vorkommen?

RENNER: Absolut. Das meine ich in meinem Buch auch gar nicht. Natürlich sind die Musiker skeptisch, wenn sie doppelt zahlen sollen. Einerseits für ein Management und dann noch für ein Label, das überall mitverdient. Sie kriegen nicht mehr Investitionen in ihre Marke als vorher und gleichzeitig weniger Einnahmen. Das ist aus der Künstlerperspektive natürlich doof. Was ich in meinem Buch beschreibe, geht in Richtung „Cutting out the middle man“. Die Funktionen von Vermittlern zwischen Band und Label, Band und Vertrieb, Band und Verlag werden überflüssig. Du brauchst als Band einen Vertrauten, der dir alles komplett macht. Letztlich ist es völlig egal, welcher Partner aus deiner Wertschöpfungskette das ist.

SUMMEN: Es ist eine Frage von Investitionen. Im Fußball sieht man das an einem Club wie Hoffenheim. Das kann man auf die Musikindustrie übertragen. Wenn sich ein Unternehmer in den Kopf setzt, in einen Künstler zu investieren, und ihn in fünf Jahren ganz nach oben zu bringen, hat er gute Chancen. Der ganze Fertigungs- und Vertriebsprozess fällt ja quasi weg. Es geht darum, mediale Präsenz herzustellen. Wenn er sich die richtigen Promoter herauspickt, kann das klappen.

RENNER: Nicht die Jobs der Musikindustrie sind obsolet, sondern die Organisationsform, in der sie derzeit noch mehrheitlich stattfindet. Diese wenigen, monolithischen Gebilde sind nicht mehr marktgerecht. Sie entsprechen auch nicht mehr den Bedürfnissen der großen Bands. Ich verstehe große Bands nicht, die noch bei traditionellen Firmen unter Vertrag sind und sich nicht selbst ein Management-Team zusammenstellen.

Müssen junge Bands demnächst nebenher noch BWL studieren?

SUMMEN: Nein. Es geht eher um eine gewisse Medienkompetenz. Und mit Portalen wie Myspace oder Facebook können junge Musiker inzwischen umgehen.

RENNER: Die Situation für Musiker hat sich verbessert. Früher brauchten sie einen Manager, der ihnen die riesigen Konzerne transparent machte und sie auch schützte. Dadurch hatten sie aber noch längst keinen Vertrag. Heute können die Bands viel unabhängiger agieren.

SUMMEN: Es wird dabei aber niemals gerechter. Pop funktioniert nach dem Prinzip einer Monarchie. Einige Sachen werden ganz oben hingestellt und es wird behauptet: Das ist das Beste, das hat den tollsten Style. Zu dieser Spitze richten sich alle Blicke. Wir erleben zwar gerade eine anarchistische Phase des Übergangs. Aber das wird vorübergehen. Wenn Fernsehen, Internet und Radio zu einem großen Mediengebilde morphen, dann haben wir ganz schnell wieder die Mächtigen, die die Programme bestimmen.

Ist dafür nicht die Zersplitterung der Angebote schon zu weit fortgeschritten?

SUMMEN: Nein, wieso sollte es zum ersten Mal in der Geschichte so sein, dass sich ein neues Medium nicht mit den marktwirtschaftlichen Mechanismen auseinandersetzt?

RENNER: Weil das Internet eine Anarchie zulässt. Außerdem ist es ein Kanal, der jedem ermöglicht, alle Inhalte zu versenden oder zu empfangen. Welche Inhalte das sind, ist nur eine Frage des Durchschnittsalters der Usergruppe, der Menge der Daten, der Höhe der Kompression und der Breitbandigkeit der Kabel.

SUMMEN: Wenn es ums Geldverdienen geht, kommen immer Marktmechanismen zum Zuge. Die zeichnen sich auch längst im Netz ab. Das sieht man zum Beispiel an der Mediapower bestimmter Kanäle wie „Spiegelonline“. Jeder Promoter weiß, was es bedeutet dort eine gute Rezension zu haben. Die Erfolge sind direkt messbar. Mit Geld kann man immer noch Stars machen.

— Das Gespräch führten Nadine Lange und Christian Schröder. Ausführlicher unter www.tagesspiegel.de/popkomm

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