Kultur : Nachrichten

Jörg W,er

Dass auch in der Schweiz eine pulsierende und vielfältige Pop- Szene existiert, wird niemanden ernsthaft überraschen. Ihre Protagonisten sind bloß in den meisten Fällen relativ Unbekannte außerhalb der Landesgrenzen. Internationale Stars gibt es kaum, wenn man vielleicht vom polyglotten Chansonnier Stephan Eicher, der immerhin in Frankreich eine gewisse Berühmtheit besitzt, den Synthiepop-Pionieren Yello und – räusper – dem unvermeidlichen DJ Bobo absieht.

Knapp vorbei am Ruhm schrammten die Young Gods, die Headliner des „Hopp Schwiiz“-Abends der Popkomm. Seit Mitte der Achtziger sind sie eine Art eidgenössische Alternative zu den Einstürzenden Neubauten. Dabei verharrten sie aber nicht ewig in ihrer Industrial-Noise-Nische, sondern erweiterten ihren von verzerrten Synthesizern dominierten Band-Sound nach und nach um Brecht/Weill-Interpretationen oder Adaptionen von Songs, die in Michael Wadleighs legendärer „Woodstock“-Dokumentation vorkamen. Diese Verlagerung ihrer Talente in den interpretatorischen Sektor führen sie mit ihren jüngsten Projekten fort, wo sie Stücken aus der eigenen Brachial-Vergangenheit sowie Klassikern von Radiohead, Suicide oder Jimi Hendrix in kongenialen, überraschend sensiblen Unplugged-Versionen neues Leben einbläuen.

Vermutlich werden die Szene-Legenden mit väterlichem Wohlwollen das um sie herum tobende Treiben einer jüngeren Generation schweizerischer Musiker beobachten. Etwa den 22-jährigen Elijah, der mit seinen Dubby Conquerors flotte Tanzflächenfüller im lockeren Reggae- Rhythmus spielt und dank seiner Mundart-Texte in Zürich ähnlich populär ist wie bei uns Peter Fox. Ganz anders ist Baby Genius unterwegs: Dahinter verbirgt sich Ivo Amarilli aus Luzern, der mit seinem Debütalbum ein multitalentiertes Kuddelmuddel angerichtet hat, das sogar im britischen New Musical Express lobend erwähnt wurde. Der Badly Drawn Boy der Schweiz?

Dann wäre Sophie Hunger vielleicht das Pendant zu Tracey Thorn, denn an die Sängerin von Everything But The Girl erinnert ihr dunkles Alt-Timbre, das sie ganz in den Dienst eines verfeinerten, sensiblen Neofolk stellt. Erfreuen kann man sich auch an den Songs von Priska Zemp alias Heidi Happy, die seit zehn Jahren in diversen Szeneformationen umtriebig ist und sich als Solistin stilistisch in der Nähe des Wohnzimmer-Folk-Gemenschels der durch den „Juno“-Soundtrack bekannt gewordenen Kimya Dawson positioniert. Oder man kann die in Schwyzerdeutsch beziehungsweise Rätoromanisch gerappten Reime der Hip-Hopper Greis, Baze oder Liricas Analas bewundern. DJ Plastique de Rève wird schließlich versuchen, die diversen Fäden des Abends aufzunehmen und in einem wilden Set mit Cosmic Disco und Electronic Body Music zu verknäueln. Jörg Wunder

– Hopp Schwiiz Festival, Fr 10. 10. ab 20 Uhr, Maria am Ostbahnhof, An der Schillingbrücke

0 Kommentare

Neuester Kommentar