Kultur : Nachrichten

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In seinem schönen, melancholischen Lied „Kopf zwischen Sterne“ singt Peter Licht: „Letztes Leuchtfeuer / Was du nicht kannst, ist / mehrere Leben führn / auf mehrere Schiffe gehn.“ Gleichzeitige Multiplizität mag nur den wenigsten Realitätsakrobaten gelingen – aber wie wäre es, das eine Leben gegen ein anderes einzutauschen, eines auf das andere folgen zu lassen, etwa so, wie man ein Kleidungsstück wegwirft und ein neues anprobiert?

Eigentlich ist Juan Desouza (Julio Chávez) ein glücklicher Mann, mit einem ordentlichen Beruf, mit einer schönen Frau, die schwanger ist von ihm, mit einem bettlägerigen alten Vater, den er liebt. Aber aus einer Laune heraus probiert’s dieser Juan, 46, Glatzenansatz, neuerdings weicheres Kinn und Bauch sowieso: Auf einer Dienstreise stirbt der Nachbar im Bus, einfach so, friedlich im Sitzen, und hat seine Visitenkarte unter der Aktentaschenplastikfolie auf dem Schoß. Fortan ist Juan Desouza Manuel Salazar, im Hotel, gegenüber anderweitig Fremden, später auch mal Emio Branelli oder Lucio Morales. Sehr behutsam probiert dieser melancholische, stille Mann mit den schönen braunen Augen Identitäten aus, geht versuchsweise vom einen Leben ins nächste. Und wie federleicht das alles! Komisches geschieht (als falscher Arzt muss er eine Kranke behandeln), Zärtliches widerfährt ihm (eine Liebschaft für eine viertel Nacht) und mancherlei Belangloses auch.

Aber passiert überhaupt irgendwas? In eine seltsam leere Welt stellen Ariel Rotter und sein sensibler Kameramann Narcelo Lavintman die 48 Stunden im Leben des Juan Desouza alias alias alias nach, und spätestens als er nach einer kuriosen Nacht im Freien einige im Fluss badende Mädchen beobachtet, sind wir bei Odysseus, im Märchen oder im Traum. Eine schöne, allerdings sehr kleine und einigermaßen vorhersehbare Geschichte erzählt Ariel Rotter in seinem zweiten Spielfilm nach „Solo por hoy“: eine Reise aus Schritten, aus Blicken, aus stillem Verharren in einer Situation, bevor irgendwas, das Tagträumen vielleicht, in die nächste Situation hinüberdrängt. Fast nichts geschieht, nichts Schlimmes jedenfalls, und das ist im Kino ab und zu auch mal ganz schön.

Peter Licht könnte auch die Moral von der Geschicht’ dazugeschrieben haben. Sein Lied geht so weiter: „Was du nicht kannst, ist / mehrere Leben führn, / und das schenkt uns / die treue Realität / und der Rest ist / Hobby.“ Wohl wahr, und ein bisschen bitter auch.

Heute 9.30 und 18.30 Uhr (Urania), 22.30 Uhr (International)

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