Kultur : Nachrichten

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STAATSOPER UNTER DEN LINDEN

Natürlich sind alle dafür, dass die Staatsoper zum Bund kommt. Die Lokalpolitiker, die Mitarbeiter des maroden Musentempels, die anderen beiden HauptstadtMusiktheater sowieso. 35 Millionen Euro weniger pro Jahr, das würde mit einem Schlag sämtliche Probleme des Berliner Kulturetats lösen. Vorbilder gibt es genug, um nicht zu sagen: Alle Länder, die zentralistisch denken, leisten sich in der Hauptstadt eine Staatsoper. In Frankreich sind es sogar zwei, das Palais Garnier und die Opéra de Bastille. Paris zahlt nur die Kosten für das dritte Haus, das Théâtre du Chatelet. Zugegeben, so eine Geste sorgt in föderalistisch organisierten Gemeinwesen für Verstimmungen – bei allen Politikern nämlich, die zu Hause in ihren Bundesländern auch Opernhäuser haben, die sie aber aus eigener Anstrengung finanzieren. Vielleicht könnte man ja eine Art Theatertreffen für Operninszenierungen in Berlin ins Leben rufen: In den Phasen, wenn Barenboim mit seiner Truppe auf Tournee ist, könnten dann die Bundesländer ihre besten Stücke Unter den Linden zeigen.

Diskutieren ließe sich auch die Frage der Renovierung: Muss es denn tatsächlich ein 130-Millionen-Quasi-Neubau sein, bei dem das Gebäude bis auf die Grundmauern abgetragen und dann wieder aufgebaut wird? Verrottet sind sämtliche Bereiche hinter der Bühne, dem Publikum aber gefallen Saal und Foyers doch ganz augenscheinlich auch im aktuellen Zustand – in Sachen Auslastung ist die Staatsoper in Berlin Spitze. Auf einen Mäzen ex machina, der gleich ein ganz neues Opernhaus spendiert, wie jüngst ein steinreicher Reeder in Kopenhagen und demnächst ein anderer, ebenfalls steinreicher Reeder in Athen, darf Berlin wohl kaum hoffen. F.H.

TOPOGRAPHIE DES TERRORS

Die Baufrage immerhin ist geklärt: Bis 2010 wird am dem Gelände an der Mauerkirchnerstraße ein unaufwendiger Flachbau für die Topographie des Terrors gebaut. Auch die Finanzierung von 19 Millionen Euro ist geklärt. Damit ist das jahrelange Trauerspiel um Peter Zumthors innovativen, aber offenbar nicht zu verwirklichenden Stabbau beendet. Doch die wahren Fragen kommen erst noch: Ist die Stiftung Topographie des Terrors, erwachsen aus einer Bürgerinitiative und seit Jahren ohne angemessene Präsentationsfläche, überhaupt darauf vorbereitet, den Neubau angemessen zu bespielen? Immerhin sind seit Gründung der Topographie 1986 mit dem Jüdischen Museum von Daniel Libeskind und Peter Eisenmans Holocaust-Memorial wichtige Konkurrenten hinzugekommen, die auch ein anspruchsvolles didaktisches und wissenschaftliches Programm bieten. Beide Institutionen sind übrigens voll in Bundeshand. Bei der Topographie des Terrors verweist der Bund jedoch immer wieder darauf, dass Gedenkstätten nach dem Gedenkstättengesetz paritätisch von Bund und Trägerland zu finanzieren seien. Wäre noch einmal eine Überlegung wert, ob das wirklich auch für die ehemalige Reichshauptstadt Berlin gelten muss und für die Stellen, von denen aus der Terror im ganzen Land zentral organisiert wurde. Damit Topographie des Terrors, Jüdisches Museum und Holocaust-Mahnmal, in einer Bundes-Trägerschaft verbunden, ihr Angebot auch untereinander abstimmen können. til

MARTIN-GROPIUS-BAU

Sage keiner, der Martin-Gropius-Bau sei nicht erfolgreich. Großausstellungen wie „Ägyptens versunkene Städte“ mit Franck Goddios spektakulären Unterwasserfunden aus dem Hafenbecken von Alexandria zogen fast eine halbe Million Besucher an, demnächst wird „Göttliches Erbe Kambodschas“, eine Ausstellung der Tempelschätze aus Angkor Wat, ähnliche Massen bewegen. Auch die Programm-Mischung aus Archäologie und klassischer Fotografie, Gegenwartskunst von Nitsch bis Uecker, Internationalem von Cindy Sherman bis Sophie Calle und Nachwuchskräften während des Monats der Fotografie ist nicht uninteressant. Das Problem liegt anderswo: Seit sich der aufwendig restaurierte Prachtbau von 1881 in gemeinsamer Trägerschaft der Bundeskunsthalle, des Deutschen Historischen Museums, der Berliner Festspiele und der Staatlichen Museen zu Berlin befindet, ist es dem Haus nicht gelungen, ein erkennbares Profil zu entwickeln. Ob Stanley Kubrick oder der Fotograf Brassai, die „Rundlederwelten“ oder der Filmmarkt während der Berlinale: der Eindruck bleibt, dass jeder der Betreiber das Haus nutzt, wie und wann es ihm gerade passt. Erkennbar ist von außen kaum, wer nun gerade für die laufende Ausstellung verantwortlich zeichnet. Das ist schlecht für die veranstaltenden Häuser, denen der Erfolg in der Öffentlichkeit nicht zugerechnet wird. Und schlecht für das Haus selbst, das sich so nicht als eigene Marke entwickeln kann. Wenn in Berlin nun wieder über die Notwendigkeit einer Städtischen Kunsthalle diskutiert wird: Beim Gropius-Bau hat die Stadt ihre Chance leichtfertig aus der Hand gegeben. Und die Beschenkten wissen mit dem Pfund offensichtlich nicht recht zu wuchern. Ratschlag also: Nach Berlin zurückgeben. Selber nutzen. til

BERLINER PHILHARMONIKER

Niemand würde es den Berliner Philharmonikern verdenken, wenn sie sich in die Obhut des Bundes sehnten. Denn ihre Heimatstadt ist mit dem Weltspitzenorchester wahrlich mies umgesprungen in den letzten Jahren. 2002 hatten die Lokalpolitiker gezetert und geschäumt, als die Idee aufkam, der beste Klangkörper der Bundesrepublik solle als Staatsorchester firmieren. Nein, nein, nein, schrie das Abgeordnetenhaus: Die Berliner gehören zu uns! Als es dann aber ans Finanzielle ging, fing das Herumgemurkse wieder an. Ein Teil der Philharmoniker-Förderung wurde aus Mitteln der Lotto-Stiftung bezahlt, einem Topf, der eigentlich zur Finanzierung von Einzelprojekten gedacht ist. Klar, dass die Opposition sich dafür aussprach, die Subventionen genau um diese Summe abzusenken, als es 2005 um die Verlängerung des fünfjährigen Zuschussvertrages ging. Die Art, wie sich ein Vertreter der Musiker und der Verwaltungschef der Philharmoniker bei der Vorladung im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses demütigen lassen mussten, trieb dem Beobachter die Schamesröte ins Gesicht. Und am Ende war auch die SPD dafür: Die 14,4 Millionen, die den 128 Musikern jährlich zustehen, sollen zum Teil aus dem Lotto-Topf kommen. Immerhin 1,14 Millionen Euro. Geld, auf das das Orchester kein verbrieftes Recht hat, das ihm jederzeit verweigert werden kann. Vor genau 125 Jahren wurden die Berliner Philharmoniker übrigens von einer Truppe verärgerter Musiker gegründet, die keine Lust mehr hatten, sich von ihrem geizigen Chefdirigenten Benjamin Bilse schikanieren zu lassen. F.H.

BERLINER FESTSPIELE

Die Berlinale gehört nicht mehr dazu: Die ist ja auch unstrittig von internationaler Bedeutung. Beim Rest der Festspiele ist das mit dem Weltrang nicht ganz so klar. Okay, großes Dach, opulentes Programm, von der Maerzmusik über Theatertreffen, Musik- und Jazzfest bis zur „Spielzeit Europa“. Obendrein wäre es prima, wenn das Literaturfestival sowie das erfolgreiche sommerliche Orchesterevent young.euro classic. bald auch noch verbindlich integriert wären. Aber die Festspiele haben das Alleinstellungsmerkmal-Problem. Seitdem die Zahl der hochkarätigen, üppig ausgestatteten Festivals in aller Welt förmlich explodiert ist, hat die von Joachim Sartorius geleitete, dem Bund unterstellte GmbH Mühe, das Besondere zu garantieren. Zumal bei bescheidenen Programmmitteln von jährlich 3,89 Millionen Euro (ohne das Theatertreffen). Zwei Beispiele: Wenn die Orchester Berlins von Januar bis Dezember für Musikfeststimmung sorgen, muss sich das Musikfest im September mit pointierten Themen hervortun – wie für dieses Jahr immerhin annonciert. Und die „Spielzeit Europa“sollte mehr sein als ein Sammelbecken für teure Gastspiele. Fazit: Ohne klares Profil droht den Festspielen ein Dasein auf dem Dauerprüfstand. chp

AKADEMIE DER KÜNSTE

Seit 2004 gehört die Akademie der Künste als die größte aller deutschen Künstlersozietäten zum Bund. Eigentlich wegen der Opern: Die damalige Kulturstaatsministerin Christina Weiss wollte Berlin das Opern-Finanzierungsproblem vom Hals schaffen, indem der Bund die Stadt anderweitig entlastet und für 22 Millionen Euro die finanzielle Trägerschaft der Akademie, der Stiftung Deutsche Kinemathek und des Berliner Anteils an den Betriebskosten des Hamburger Bahnhofs übernimmt.

Es war eine Milchmädchenrechnung: Erstens ist die Opernfrage bekanntlich immer noch nicht beantwortet. Und zweitens ist die Akademie vor allem seit ihrem Einzug in den illustren Neubau von Günter Benisch am Pariser Platz im Sommer 2005 erst recht in die Kritik geraten. Trotz der namhaften Mitglieder in allen Sektionen, trotz der über 800 Künstlernachlässe des 20. Jahrhunderts machen die Veranstaltungen im gläsernen Plenarsaal mit Blick aufs Brandenburger Tor eher selten von sich reden. Von den praktischen Problemen der Ausstellungsmacher mit der Benisch-Architektur zu schweigen. Zwar hat sich die Akademie – nach dem Krach um Adolf Muschgs geforderte Strukturerneuerung und dessen trotzigem Rücktritt als Präsident – unter der neuen Leitung von Klaus Staeck konsolidiert; gelegentlich finden sogar Debatten zu Gegenwartsthemen (Klima, deutscher Film) statt. Aber da ist immer noch viel Mehltau, immer noch – bei aller Wertschätzung um deren künstlerische Verdienste – ein zu hoher Altersdurchschnitt der Mitglieder, immer noch altlinker Kulturmief. Künstlerische Impulse für die Republik? Fehlanzeige. chp

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