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Der Hollywoodfilm hat sich in der laufenden Saison konsequent auf eine Frühform des Kinos zurückgezogen: die Jahrmarktsattraktion. Zeitgemäßer gesagt: den „boah ey“-Effekt. Wer derzeit das in den Multiplexen donnerstäglich neu hingezimmerte deutschamerikanische Kinovolksfest besucht, findet dort, stets traut vereint, die Achterbahnfilme („Die Hard 4.0.“), die Geisterbahnfilme („Hostel 2“) und die Lachsackfilme („Fluch der Karibik 3“). Wo „Ocean’s“ draufsteht, ist auch „Ocean’s“ drin, und nebenan lockt die Konkurrenz von Disney- und Pixarland in ihre immer bunteren Buden aus digitalen Versatzteilen. Leicht benommen, mehr bauchwärts als im minderbeschäftigten Hirne, entsteigt man den Fahrgeschäften der Illusion, und ordentlich Geld fürs Ticket sowie Hunger und Durst unterwegs hat man auch wieder ausgegeben.

Gegen derlei funktionierende Belustigungsindustrie ist, zumal in einem lange verregneten Sommer, wenig zu sagen – und wenn nun Quentin Tarantino mit „Death Proof“ zeitweise Quartier nimmt auf den Sandplätzen der Vergnügungssucht, dann fordert das auch ohne „Hereinspaziert!“-Schlepper mindestens die übliche Aufmerksamkeit. Zumal Tarantino den Three-in-one-Cocktail verspricht: „Death Proof“ ist, in seinen prägnanteren Szenen, mal Achterbahnfilm und mal Geisterbahnfilm und mal beides zusammen – und auch Lachsackfilm der verschärften Hoho-Kategorie, wie Pressevorführungen bereits erschöpfend unter Beweis stellen. Vor allem aber ist er, und das sollte bei der anhebenden Rezeption nicht übergangen werden, über weiteste Strecken ein Stück Dialogkino, das die Gesamtsilbenzahl einer besonders gesprächsseligen französischen Jahresfilmproduktion locker hinter sich lässt.

„Du quasselst, du quasselst, das ist alles, was du kannst“, sagt Papagei Laverdure in Raymond Queneaus „Zazie in der Metro“ – und tatsächlich sind die Frauenquartette, die Tarantino in zwei dramaturgisch streng parallel gebauten Episoden gegen einen durchgeknallten Serienkiller in Stellung bringt, Quasselstrippen ohne Ende. Auch wenn sich die mediale Aufmerksamkeit bereits überwiegend auf die Pirelli-Kalender-Schlüsselreize scharfer Miezen und schneller Autos konzentriert: Durch endlose Gespräche von unerhörter Belanglosigkeit – in Autos, in Bars, in Diners – muss sich durchkämpfen, wer in den sogenannten Genuss zweier Gewaltexplosionen kommen will. Dabei reden die chicks, als sei’s die zäh verrinnende Realzeit einer dem Nullpunkt entgegenstrebenden Inspiration, über Drogen, über Männer, über die italienische Vogue; erst dann geht es zum Schlachtefest, erst mit dem einen, dann mit entgegengesetztem Ausgang.

Spätestens jetzt wäre die Tarantino-Geniekult-Maschine anzuwerfen: alles Absicht! Alles ironischer Trick zweiten, dritten, vierten Grades, auch die heraufbeschworene Zuschauer-Langeweile! Und hatten nicht auch die sturzkomisch und stinkblutig durch ihre Episoden stolpernden „Pulp Fiction“-Gangster über alles und noch viel mehr gequatscht, was das Zeug hielt, von den Fritten bis zur Fußmassage? Aber ja: Nur war dieses Banalo-Blubbern in den furios verschachtelten Pulp-Sub-Stories der Humus jederzeit ausbrechender, auch irrwitzig misslingender Gewalt – und lesbar als die schrill simultane Alltagspartitur einer total dekonstruierten Gesellschaft. Und, auch das ruft „Death Proof“ schmerzhaft in Erinnerung: „Pulp Fiction“, das cineastische Manifest einer alles unter ihre Grinsebreitreifen nehmenden Spaßgesellschaft, ist 13 Jahre her.

Mit Mitte Vierzig dagegen wirkt Tarantino, von seinen Jurypräsidenten-Auftritten in Cannes bis zu aktuellen Interviews, wie ein schwerer Fall von Regisseurs-Doping; wie ein Hysteriker, der sich in seiner Black Box aus Trashfilmen und mit einer Überdosis von (Selbst-)Zitaten gegen die Welt abschottet. Und inzwischen, den Start mit „Reservoir Dogs“ 1991 hinzugezählt, wie das fast tragische Anderthalb-Hit-Wonder des amerikanischen Kinos: Allein seine immer wieder extrem überdrehte Performance – in „Death Proof“ liefert er einen hochtourigen Auftritt als Barmann – hält die Hoffnung auf das noch größere Werk, auf den sich endlich entpuppenden Dauergroßmeister am Leben.

Tatsächlich geht es mit Quentin Tarantino, das Publikum wie Kritiker mitunter erfassende Verklärungsbedürfnis einmal abgezogen, stetig bergab: In seiner Episode von „Four Rooms“ (1995) musste er sich Regie-Kumpel Robert Rodriguez um Längen geschlagen geben, „Jackie Brown“ (1997) war der misslungene und weithin vergessene Ausflug ins weniger hektische Erzählen, und sechs Jahre später kam das „Kill Bill“-Doppel: der nur mehr manisch zu nennende Versuch, alle Action-Genres dieses Planeten in einer simplen Rachestory zu vereinen. Das meistbietend versorgte Publikum honorierte die Mühe, künstlerisch bedeutete der Film rasenden Stillstand.

„Death Proof“ nun ist insofern konsequent, als der Ex-Videothekar Tarantino, der sich autodidaktisch am Genre-Trash der siebziger Jahre übte, zu seinen Anfängen zurückkehrt: very very special interest und in Sachen Action, Story, Schauspieler(innen) so unerheblich, dass sich eigentlich der Direktstart im abschöpfend sortierten Videothekenfachhandel anbieten würde. Aber wo Tarantino drin ist, steht auch Tarantino drauf, und so dreht „Death Proof“ denn doch seine Ehrenrunde auf der großen Leinwand. In diesem bereits weitgehend verkorksten Kinojahr stört das nicht weiter.

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