Nachruf : Alex Chilton: Der Besungene

Mit einer Stimme, die wie rostiger Stacheldraht kratzte, erinnerte er an archaische Bluessänger aus dem Mississippi-Delta. Box Tops & Big Star: Alex Chilton ist tot

Jörg W,er

„Children by the million sing for Alex Chilton / They sing: I’m in love. What’s that song? I’m in love with that song.“ – Als die US-College-Rocker The Replacements 1987 diese Hommage an ihren Helden herausbrachten, soll der Besungene nicht begeistert gewesen sein. Wäre „Alex Chilton“ ein Hit geworden, hätte es womöglich Unruhe in seine stoisch hingenommene Existenz als nur noch Insidern bekannte Pop-Legende bringen können.

Das war nicht immer so. Im Alter von 16 Jahren landete der aus Memphis stammende Sänger und Gitarrist mit den Box Tops einen Evergreen: „The Letter“ fing im Sommer 1967 mit federleichtem Soul-Rock und einer unvergesslichen Melodie die Aufbruchsstimmung einer im rasenden Wandel befindlichen Popkultur kongenial ein. Auch wenn sie den phänomenalen Erfolg von „The Letter“ nicht wiederholen konnten, blieben die Box Tops bis zu ihrer Auflösung 1970 zumindest ein Thema für den Rand des Mainstreams.

Chiltons mit viel Emphase aus der Taufe gehobene Nachfolgeband Big Star gehört dagegen zu den tragischen Verlierern der Popgeschichte. Obwohl sich ihre Alben zu den wichtigsten Inspirationsquellen für kommende Indierock-Generationen entwickeln sollten, lagen sie nach ihrem Erscheinen wie Blei in den Regalen – ein Schicksal, das Big Star mit Schrittmachern wie Velvet Underground oder The Stooges teilten. Die Erfolglosigkeit beschleunigte den Zerfall des fragilen Ensembles, Mitte der Siebziger stand Chilton ohne Band da. Als Solokünstler oder in lockerer Zusammenarbeit mit verwandten Seelen wie James Dickinson, Tav Falco oder der Voodoo-Rock-Band The Cramps hielt er sich in Form. Seine Platten klangen wie aus einem anderen Jahrhundert. Mit einer Stimme, die wie rostiger Stacheldraht kratzte, erinnerte er an archaische Bluessänger aus dem Mississippi-Delta: absoluter Kult, nahezu unverkäuflich.

In den Neunzigern machte Chilton seinen Frieden mit dem Scheitern. Er zog nach New Orleans und beteiligte sich gut gelaunt und mit wieder verjüngter Stimme an Neuauflagen seiner alten Bands. Am Mittwoch ist Alex Chilton im Alter von 59 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben.

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