Nachruf : Alfred Hrdlicka: Wut für das Gute

Er grantelte nicht, sondern er wütete gegen rechts. Zum Tod des Wiener Bildhauers Alfred Hrdlicka.

Bernhard Schulz
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Alfred Hrdlicka. -Foto: dpa

Wenige Denkmäler fallen derart ins Auge wie das „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“, das Alfred Hrdlicka Ende der achtziger Jahre auf dem Wiener Albertinaplatz errichtete. Gleich hinter der Staatsoper gelegen, markiert es die Stelle eines Wohnblocks, der im Zweiten Weltkrieg Hunderte von Bewohnern unter sich begrub. Doch wenn man näher herantritt, erblickt man Figuren, die die Straßen säubern – ein Hinweis auf die Demütigungen, die Wiener Juden nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland erlitten haben. Vom Zusammenhang zwischen NS-Zeit und Krieg wollte man in Österreich lange nichts wissen, noch weniger von der eigenen Mitschuld.

Alfred Hrdlicka, der am Sonnabend mit 81 Jahren in seiner Heimatstadt Wien gestorben ist, legte stets den Finger in die Wunde, verstand sich der spätberufene Bildhauer doch als politischer Künstler. Das halb bewundernde, halb missbilligende Epitheton des „Berserkers“ hörte er gern: Hrdlicka grantelte nicht, er wütete als überzeugter Marxist immer gegen rechts, von wo er beständig die Wiedererstehung des Faschismus witterte. Dass er aus seinem Wüten zugleich die künstlerische Kraft zog, menschliches Verbrechen wie umgekehrt menschliches Leiden zu gestalten, verschaffte ihm schließlich auch bei denen Respekt, die seine Arbeiten jahrelang bekämpften. Hrdlicka wurde zu einer Instanz in Sachen öffentlichen Erinnerns: Ob beim unvollendeten „Gegendenkmal“ in Hamburg (1985/86) oder beim Friedrich-Engels-Denkmal in dessen Heimat, dem heutigen Wuppertal (1988) – stets kamen monumentale Arbeiten zustande, an denen keiner gleichgültig vorbeiläuft.

Geboren wurde Alfred Hrdlicka als Sohn eines von den Nazis verfolgten Gewerkschaftsfunktionärs. Sein Weltbild formte sich in diesen Jahren. Nach einer Lehre als Zahntechniker studierte er zunächst Malerei, dann ab 1953 Bildhauerei. Sein Lehrer war Fritz Wotruba, die Instanz der österreichischen NachkriegsBildhauerei. Wotruba war zugleich Architekt, seine skulpturale Wiener Dreifaltigkeitskirche (1965/76) ist das abstrakte Vorbild, von dem Hrdlicka sich absetzte. Seine Sprache ist nicht die von ihm als „blutleer“ gebrandmarkte Abstraktion, sondern der figurative Realismus. Wobei er das Blockhafte und Lastende seines Lehrers durchaus aufgriff, nicht zuletzt bei seinem Wiener Denkmal.

Hrdlicka, der schon im Habitus dem Bild des streitbaren Künstler-Propheten entsprach, war jahrzehntelang als Hochschullehrer tätig, darunter einige Jahre an der damaligen Hochschule der Künste in Berlin als Nachfolger von Bernhard Heiliger. Die Beziehung endete im Streit. Im historischen November 1989 wurde er wegen mangelnder Unterrichtstätigkeit entlassen. In Berlin hatte Hrdlicka mit dem „Plötzenseer Totentanz“ 1970 eine seiner ersten Denkmalsideen skizziert.

Überhaupt hatte er als Grafiker begonnen. Der Zyklus „Der Mensch in seiner Arbeitswelt“ von 1955 deutet bereits im Titel die Haltung des Künstlers an, der im Jahr darauf aus Protest gegen die Niederschlagung des Ungarn-Aufstands aus der Kommunistischen Partei austrat, ohne jedoch seine politische Überzeugung zu verleugnen. Die Grafik blieb sein vorrangiges Medium, ehe er in den Achtzigern zum Denkmalskünstler schlechthin wurde.

1964 erregte er als Mitvertreter Österreichs bei der Biennale von Venedig erstmals internationales Aufsehen. Dass er nie Preise gewann, liegt an seiner grundsätzlichen Ablehnung von Ehrungen – sieht man von der prestigeträchtigen Aufnahme in die Wiener Secession 1962 einmal ab. Mit seinem Tod geht eine Epoche der Bildhauerei zu Ende, die sich noch aus Impulsen der Vorkriegszeit speiste. Dass mehrere seiner Denkmalprojekte unvollendet bleiben, mutet an wie ein Symbol für die visionäre Hoffnung, die Alfred Hrdlicka hinter der Maske des Berserkers verbarg. Bernhard Schulz

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