Nachruf : André Müller: Der Unerbittliche

Die Interviews, die er geführt hat, waren immer Duelle, manchmal waren sie auch Dramen. Existenzialist und Exhibitionist: Zum Tod des Journalisten André Müller.

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Bohrende Fragen. André Müller, ganz entspannt.
Bohrende Fragen. André Müller, ganz entspannt.Foto: Anna-Lena Zint

Die meisten Interviews, die in Zeitungen und Zeitschriften erscheinen, sind ein freundliches Geplauder mit Prominenten, die von einem neuen Buch, einem neuen Film, einer neuen Platte oder einem aktuellen Wahlkampf handeln. Manchmal werden auch Experten vernommen oder, das ist dann die investigative Schule des Journalismus, Politiker hart mit ihren früheren Aussagen konfrontiert. Die Interviews, die André Müller geführt hat, waren dagegen immer Duelle, manchmal waren sie auch Dramen. Ihm ging es, wie er freimütig einräumte, um „Entblößung“. Eine Entblößung, die immer auch eine Selbstentblößung war, denn nie war ganz auszumachen, wer da am Ende mehr von sich preisgab, der Fragesteller oder der Befragte.

Müller, der 1946 im brandenburgischen Flecken Michendorf geboren wurde und in Wien aufwuchs, hatte 1967 als Gerichtsreporter und Theaterkritiker bei der „Kronenzeitung“ angefangen und eine Zeit lang im Feuilleton der Münchner „Abendzeitung“ gearbeitet. Berühmt wurde er mit den großen Interviews, die er ab 1975 vor allem für die „Zeit“ führte. Müller ignorierte alle Interviewregeln, wie sie an Journalistenschulen gelehrt werden, und machte sich wenig aus Höflichkeitsfloskeln. Peinlich war ihm nichts, und er hatte keine Angst vor Unterlassungsklagen. Müller ging es einzig um die Wahrheit, darum auch die Seiten eines Menschen zu zeigen, die dieser lieber verborgen gelassen hätte. Er war ein Seelensucher und Enthüllungskünstler. Sein Credo: „Der Künstler, zumal der schreibende, muss sich zur Aufgabe stellen, das Denken bis zur Unerträglichkeit auszuhalten. Er geht an die Wahnsinnsgrenze.“

Den Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff erinnerte Müller an den Tod seines vierjährigen Sohns bei einem Autounfall, über den er nicht hatte reden wollen, und fragte ihn: „Ist es Ihnen unangenehm, öffentlich Schmerz zu zeigen?“ Von der Pornodarstellerin Dolly Buster wollte er wissen: „Ist ein niedriger Hormonspiegel, der zur Folge hat, dass einen die Gier nicht so plagt, erstrebenswert?“ Alice Schwarzer, mit der er hartnäckig über ihren Vater zu sprechen versuchte, sagte ihm: „Sie sind für mich die große Wurstmaschine. Sie kennen doch diese am Tisch angeklemmten Wurstmaschinen, wo alles durchgedreht wird.“ Müller entgegnete: „Wenn Menschen sich offenlegen, schaut doch jeder verschieden aus. Da kommt kein Einheitsbrei heraus.“

André Müller hat mit Thomas Bernhard, Fassbinder, Joschka Fischer, Arno Breker, Oskar Werner und Dutzenden anderen Berühmtheiten geredet, aber das allerschönste und todtraurigste Interview hat er mit seiner eigenen Mutter geführt. Dabei erfuhr er, dass sein Vater ein französischer Soldat war, der sie vergewaltigt hatte. „Schämst du dich, mich geboren zu haben?“, fragte er. Ihre Antwort: „Im Gegenteil, das war vielleicht das einzig Wichtige in meinem Leben.“

Das Gespräch, das später im Hamburger Thalia-Theater in einer Bühnenfassung herauskam, ist das Psychogramm einer Hassliebe. „Müller: „Hast du gehofft, du würdest von mir die lang entbehrte Liebe bekommen?“ Die Mutter: „Ehrlich gesagt, ja.“ Müller: „Das war eine vergebliche Hoffnung.“ Die Mutter: „Wieso? Du warst ein sehr liebes Kind.“ Müller: „Anfangs vielleicht. Später hast du mich ,Teufel’ und ,Satan’ genannt.“ Er kokettiert mit seiner Verzweiflung, schon als Kind habe er sich umbringen wollen. Was der Sinn des Lebens sei? Die Mutter, lakonisch: „Man lebt, weil man geboren ist.“

In Elfriede Jelinek hatte André Müller eine Seelenverwandte gefunden. Im Vorwort seines letzten Buches, das im Juli im Münchner Langen-Müller-Verlag erscheinen wird, schreibt sie: „Aber wenn die Menschen etwas sagen, sind sie es selbst doch schon gar nicht mehr, oder? Sie werden zu etwas anderem, ohne etwas anderes zu sagen als das, was sie eben sagen.“

Am Sonntag ist Müller in München an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Er wurde 65 Jahre alt.

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