Nachruf : Apokalypse ist nur ein Wort

Johannes Mario Simmel ist am Neujahrstag gestorben. In seinen Büchern dürfte er aber noch eine ganze Weile weiterleben. Zum Tod des Bestsellerautors und politischen Moralisten.

Gerrit Bartels
Johannes Mario Simmel
Trivialautor oder politischer Mahner? Simmel entzweite die Kritiker. -Foto: dpa

Als Johannes Mario Simmel in einem seiner letzten Interviews gefragt wurde, wie er es mit dem Sterben und dem Tod halte, antwortete er irritiert und unwirsch: "Was soll diese Frage? Ich weiß nur: Wenn es ein Leben nach dem Tod geben sollte, dann sterbe ich einfach nicht". Nun ist Johannes Mario Simmel im Alter von 84 Jahren gestorben, am Neujahrstag, in einer Seniorenresidenz in der Nähe der Schweizer Stadt Zug. Seinen Büchern dürfte noch eine ganze Weile ein Leben nach dem Tod beschieden sein.

In die Literaturgeschichte vor allem der alten Bundesrepublik geht er als ein Schriftsteller ein, der vom Publikum abgöttisch geliebt wurde und von dessen über 35 Büchern weltweit gut 75 Millionen Exemplare verkauft wurden. Schon die Buchtitel selbst haben sich fest ins kollektive Bewusstsein der Bundesrepublik und auch des späteren, wiedervereinigten Deutschlands eingeschrieben: "Es muss nicht immer Kaviar sein", "Und mit den Clowns kamen die Tränen", "Lieb Vaterland magst ruhig sein" oder "Liebe ist nur ein Wort". Gleichzeitig war Simmel ein Schriftsteller, der von der Literaturkritik bis in die frühen achtziger Jahre hinein verrissen, missachtet, schmählich ignoriert und der Kategorie eines Heinz G. Konsalik oder einer Utta Danella zugeordnet wurde. Schon allein sein Erfolg machte ihn verdächtig.

"Zwischen Boulevard und Bloch"

Doch der Wind drehte sich. Der Trivialitätsverdacht, gegen den Simmel und seine Literatur zu kämpfen hatten, traf auf einmal auch die Kritik an ihm. 1982 bekannte Hans-Christoph Blumenberg in der "Zeit" als einer der ersten, dass es unmöglich sei "Simmel nicht zu lieben", und verortete dessen Literatur kurzerhand "zwischen Stern und Spinoza, zwischen Boulevard und Bloch".

Nicht, dass ihn das nicht gefreut hätte. Doch Johannes Mario Simmel war zu diesem Zeitpunkt fast schon erhaben über die Wechselfälle der Kritik und die plötzlichen Hymnen, in die sich immer auch noch ein paar böse Töne mit hineinschlichen. So unterschiedliche Schriftsteller wie Graham Greene oder Stefan Heym zählten da schon lange zu seinen Fans und Freunden. Und hatte er nicht sowieso, bevor er sich darauf verlegte, gleichzeitig aufzuklären und zu unterhalten, und bevor er seine frühere Tätigkeit als Reporter und Drehbuchautor gewinnbringend in seine Romane einbrachte, ambitioniert literarisch geschrieben, geschult an Schriftstellern wie Erich Maria Remarque oder Hans Fallada?

Er wurde zum politischen Kämpfer

"Begegnung im Nebel" hieß sein erster Novellenband, der 1947 im Zsolnay Verlag erschien, es folgten weitere Erzählungen, der Roman "Mich wundert, daß ich so fröhlich bin" – und Einladungen zur Gruppe 47. Ein größerer kommerzieller Erfolg freilich stellte sich zunächst nicht ein. "Glänzende Kritiken" habe er damals bekommen, bloß keine Leser, bekannte Simmel später einmal. Das änderte sich erst 1960 mit "Es muss nicht immer Kaviar sein", einem fulminant gut erzählten Roman über den Geheimagenten und Schwerenöter Thomas Lieven, der vor dem Hintergrund des Kalten Krieges hübsch wahnwitzige Abenteuer zu bestehen hat.

Von nun an lief alles wie am Schnürchen. Simmel wurde zum Markenartikel und auch international ein Bestsellerautor, wollte sich aber nicht damit begnügen, ein reiner Unterhaltungsautor zu sein. Er wurde zum politischen Kämpfer, Moralisten und Mahner. Mit dem Roman "Lieb Vaterland magst ruhig sein" nahm er sich 1965 der deutschen Teilung an, mit "Und Jimmy ging zum Regenbogen" setzte er sich 1970 kritisch mit dem Handel mit biologischen Waffen auseinander. In "Doch mit den Clowns kamen die Tränen" beschrieb er 1987 die Gefahren die Genmanipulation. Und 1990 zeigte er sich mit dem Öko-Thriller "Im Frühling singt zum letzten Mal die Lerche" einmal mehr als wackerer Moralist und fast schon verzweifelter Humanist, der sich fragt, ob der Mensch "nur ein verzweifelter Irrläufer der Evolution" sei. "Ich bin ein alter Mann, der an nichts mehr glaubt als an das Ende von allem", ließ er ein Roman-Alter-Ego sagen.

Der Glaube an die Liebe

Das allerdings hinderte ihn nicht daran, immer an die Liebe zu glauben, ("Liebe ist die letzte Brücke" hieß einer seiner letzten Romane), keine Angst vor Sentimentalität und manchmal auch Kitsch zu haben und immer genau zu wissen, was das Gute und was böse ist. In den differenzierten, postmodern hedonistischen neunziger Jahren wirkte er als ewiger Mahner dann doch etwas aus der Zeit gefallen. Umso heftiger positionierte er sich gegen die Neonazis, die nicht zuletzt in seinem Heimatland Österreich immer mehr Auftrieb bekamen. Jörg Haider warf er 1992 "mörderische und skrupellose Hetze gegen Ausländer vor", was dieser mit einer Verleumdungsklage konterte, die Simmel erfolgreich abwehrte. Jahre später ereiferte er sich in Berlin im jüdischen Gemeindezentrum darüber, dass es nach der ganzen "Nazipest" wieder so viele Menschen gebe, die das alles "noch einmal machen wollen, weil es so schön gewesen ist".

Mit dem Alter schien bei dem 1924 in Wien geborenen Simmel auch das Bewusstsein für die eigene Familiengeschichte mehr in den Vordergrund zu treten. Sein jüdischer Vater konnte sich gerade noch vor der Machtübernahme durch die Nazis nach London absetzen, wo er allerdings 1945 eines natürlichen Todes starb. Außer dem Sohn, der zum Chemie-Ingenieur ausgebildet wurde und ab1943 als Heilmittel-Chemiker in einem kriegswichtigen Betrieb arbeitete, überlebten von der Familie nur Simmels Mutter und seine Schwester den Krieg. Allein der Titel seines ersten Romans zeugt von den Nöten und unterdrückten Beschwernissen des jungen Simmel, der sich bald fast manisch in Arbeit stürzte. Als "eine Art Erlösung" hat er später einmal sein Schreiben bezeichnet, "von den vielen Dingen, die mich bedrängen und belasten".

Dazu gehörte bis zuletzt der Krebstod seiner geliebten Ehefrau Lulu von Treuberg im Jahr 1985, die er wegen einer anderen Frau verlassen und in einem seiner Bücher auch noch als das Böse schlechthin bezeichnet hatte. Trotz später Versöhnung nagte bis zuletzt ein Schuldgefühl an Johannes Mario Simmel, wie er seinen wenigen Besuchern in der Schweiz freimütig eingestand. In seinen letzten Jahren versuchte er sich mit einem reinen Liebesroman davon zu befreien. Vielleicht hat er ihn ja noch fertigstellen können. Der Tod, soviel hat er verraten, sollte der Höhepunkt sein.

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