Nachruf auf Christoph Funke : Der aufrecht Aufmerksame

Der DDR-Theaterkritiker Christoph Funke verstand sich als Verbündeter der Regisseure und Schauspieler. Nach der Wende schrieb er für den Tagesspiegel und die "Neue Zürcher Zeitung". Jetzt ist der Autor mit 81 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

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Christoph Funke
Christoph FunkeFoto: privat

Hinter seinen dicken Brillengläsern schaute er oft mit einer gewissen Melancholie hinaus in die Welt des Theaters. Aber Christoph Funke blieb auch nach sechs Berufsjahrzehnten als Theaterkritiker ein unerschütterlicher: Theaterliebhaber. Sein dem ersten Anschein nach etwas trauriger Blick verhüllte nur die bald durchdringende, aufblitzende Freundlichkeit und seinen auch im Idiom unverkennbaren sächsisch-berlinischen Witz.

Schüler von Hans Mayer

Günther Rühle hat ihn in seiner Geschichte des deutschen Nachkriegstheaters mit Blick auf die DDR und die ideologischen Anpassungszwänge als einen schon vor der Wende vorsichtig Aufrechten erwähnt. 1934 geboren, in Chemnitz aufgewachsen, hatte Funke in Leipzig bei Hans Mayer Germanistik studiert. Von 1956 bis 1991, bis zur Übernahme und Schließung durch den Springer Verlag, war er in Berlin Theaterkritiker und später auch leitender Kulturredakteur der zu DDR-Zeiten gegenüber der Obrigkeit mehr Distanz als andere Blätter wahrenden Zeitung „Der Morgen“.

Danach arbeitete Funke als freier Journalist vor allem für den Tagesspiegel und die „Neue Zürcher Zeitung“ sowie für das Magazin „Theater der Zeit“. Ich habe ihn zuerst 1993–95 als Kollege in der Jury des Berliner Theatertreffens erlebt. Dabei wurde nochmals klar, was das zeitkritisch avancierte DDR-Theater als Vorbote der Wende für seine unmittelbaren Beobachter bedeutet hatte. Denn Funke und einige seiner aus der DDR stammenden Kritikerkollegen verstanden sich weiterhin als „Verbündete“ der von ihnen geschätzten ostdeutschen Theatermacher. Ein Verhältnis, das anders war als das der westdeutschen Kritiker, die durchaus Freundschaften mit einzelnen Künstlern pflegten, aber ihre Unabhängigkeit bei gegebenem Anlass auch mal mit Verrissen gegenüber sonst geschätzten Theaterleuten demonstrieren wollten.

Gesellschaftskritik in Andeutungen

Die innerdeutsche Verständigung über die eigene Berufsrolle musste auch hier gelernt werden. Und der Respekt. Nur ein Beispiel: Als im Frühjahr 1989 in Dresden Christoph Heins Drama „Die Ritter der Tafelrunde“ gegen Widerstände der Zensur uraufgeführt wurde, war jedem klar, dass mit dem mythischen Bild der zerbrechenden Ritterrunde am Hof des Königs Artus das Scheitern eines Gesellschaftsmodells und eines höfischen Politbüros vorgeführt wurde. Dies hat freilich keine DDR-Zeitung so benannt. Doch während das „Neue Deutschland“ statt eines „absurden Endspiels“ noch ein „realistisches Beginnspiel“ herbeifabulierte, schrieb Funke zur Stückbotschaft im „Morgen“: „Wo mit leidenschaftlichem Einsatz Veränderungen erzwungen wurden, muss sich das Veränderte weiteren Veränderungen stellen“. Über solch verklausulierte Andeutungen ließ sich aus sicherer Westperspektive leicht lächeln oder gar lästern. Aber was Funke da schrieb und was jeder seiner Leser sofort verstand, war: mutig. War integer.

Ein Buch über die Domröse

Später hat er in Bewunderung oder auch nur herzlich-schmerzlicher, manchmal gar bitterer besserer Kenntnis in dieser Zeitung über viele ostdeutsche Theaterleute geschrieben: über den Brecht-Schüler Manfred Wekwerth oder den DDR-Weltklassiker Peter Hacks, er hat Laudationes bei Akademie-Preisen für den wunderbaren Bühnenbildkünstler Horst Sagert gehalten oder als Buch eine schöne Hommage auf die Schauspielerin Angelica Domröse veröffentlicht. Für die oben auf der Bühne hatte er durch seine ungetrübte Brille ohnehin einen besonderen, aufmerksam liebenden Blick. Ende vergangener Woche ist Christoph Funke nun mit 81 Jahren in der Berliner Charité gestorben.

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