Nachruf auf Georges Prêtre : Der Elegante

Meister des sinnlichen Orchesterklangs: Im Alter von 92 Jahren ist der französische Dirigent Georges Prêtre gestorben

Georges Prêtre 2010 beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker
Georges Prêtre 2010 beim Neujahrskonzert der Wiener PhilharmonikerFoto: AFP

Zum ersten Mal tauchte sein Name 1957 im Tagesspiegel auf. In einem Bericht über die französische Erstaufführung von Richard Strauss Oper „Capriccio“ in Paris wird „ein junger Dirigent“ gelobt, der sich „mit blitzsauberer Technik und einem von echter Sensualität genährten Instinkt für die Feinheiten der Partitur einen Erfolg fürs Leben erkämpfte“. Da war die Karriere des 1924 im Städtchen Douai nahe der belgischen Grenze geborenen Georges Prêtre schon mächtig in Fahrt gekommen: 22-jährig hatte er in Marseille debütiert, war 1956 Chefdirigent der Opéra Comique geworden und konnte im Jahr darauf, auf Einladung Herbert von Karajans, erstmals an der Wiener Staatsoper auftreten.

Für sein Debüt im Januar 1963 bei den Berliner Philharmonikern wiederum wählte Prêtre klug ein Paradestück für Spitzenorchester, Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“: „Hier konnte der hochbegabte Pultvirtuose der Versuchung des Schaudirigierens, das mehr dem Publikum als dem Orchester zu Dank geschieht, nicht widerstehen“, urteilte der Tagesspiegel. „Wenn es ihm gelingt, diese Versuchung zu überwinden, ist gewiss noch viel von ihm zu erwarten.“

Maria Callas erklärte ihn zu ihrem Lieblingsdrigenten

Prêtres Karriere sollte eine lange, glanzvolle werden: 2008, mit 83 Jahren, wurde ihm die Ehre zuteil, das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker zu leiten. Die ihn promt für 2010 gleich wieder einluden. Der Ruf des Charmeurs, ja des dirigierenden Dandys allerdings haftete ihm bis zuletzt an. Aber vielleicht empfand der attraktive, äußerst elegante Maestro das ja sogar als Kompliment.
Der prachtvolle Klang, den er in der Oper wie im Konzert zu entfalten vermochte, war ihm gleichwohl immer nur Mittel zum Zweck. Sein künstlerisches Ziel war es, die Farbigkeit des Orchestersatzes mit Transparenz und feinnerviger Expressivität zu verbinden.
Eine enge Verbindung hatte Prêtre zu Maria Callas, die ihn zu ihrem Lieblingsdirigenten erklärte. Gemeinsam nahmen sie 1964 Bizets „Carmen“ auf, später auch noch Puccinis „Tosca“. Weltweit als Interpret gefragt, war Prêtre 1966 bei der Wiedereröffnung der New Yorker Metropolitan Opera dabei, dirigiert viel an der Mailänder Scala und wirkte von 1986-91 als erster Gastdirigent der Wiener Symphoniker. 1982 dirigierte er beim Operndebüt von Filmregisseur John Schlesinger am Londoner Covent Garden, 1989 leitete er das erste Konzert in der Pariser Bastille-Oper. In Berlin verband Prêtre eine tiefe künstlerische Freundschaft mit dem Radio-Sinfonie Orchester, dem heutigen DSO.
Mit der Neugier eines Jünglings vermochte der Grandseigneur bis zuletzt, altbekannte Partituren immer wieder für sich zu entdecken, tausendmal Gehörtes anmutig zu verlebendigen. Im Alter von 92 Jahren ist Georges Prêtre jetzt in Frankreich gestorben.

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