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Nachruf auf Gert Voss : Königsschausspieler, Schauspielerkönig

Gert Voss hatte so viele Facetten wie kaum je ein anderer Schauspieler. Und dabei spielte er immer um sein Leben. Der große Mann glich in seinem Inneren einem angesengten Schmetterling. Zum Tod eines Bühnenwunders.

Peter von Becker
Gert Voss als "Wallenstein", 2007 im Wiener Burgtheater, der künstlerischen Heimat des Schauspielers.
Gert Voss als "Wallenstein", 2007 im Wiener Burgtheater, der künstlerischen Heimat des Schauspielers.Foto: dpa

Es war zum Ende des vergangenen Jahrhunderts eine seiner kuriosesten Erfahrungen. Eigentlich nur eine Anekdote im künstlerisch so wunderbar reichen Leben des Schauspielers Gert Voss. Aber bezeichnend. Voss hatte 1999 in der Fernsehproduktion „Balzac – Ein Leben voller Leidenschaft“ neben dem Titeldarsteller Gérard Depardieu den französischen Schriftsteller Victor Hugo gespielt, der das Schicksal des Großromanciers Balzac als dessen jüngerer Kollege erzählt. Ein mit illustren Akteuren aus etlichen Ländern besetztes Dreistundenepos, das man in der TV- und Filmbranche einen „Euro-Pudding“ nennt.

Gert Voss auf der Bühne
Gert Voss als "Wallenstein", 2007 im Wiener Burgtheater, der künstlerischen Heimat des Schauspielers.Weitere Bilder anzeigen
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14.07.2014 15:07Gert Voss als "Wallenstein", 2007 im Wiener Burgtheater, der künstlerischen Heimat des Schauspielers.

Gert Voss fand das Drehbuch: na ja. Als entdeckungslustiger Lebens- und Fantasiemensch war er jedoch neugierig auf Depardieu, Jeanne Moreau, Fanny Ardant, Virna Lisi und seine übrigen internationalen Partner, denn ganz frei von berufstypischer Eifersucht konnte er sich unerschöpflich für andere Schauspieler/innen begeistern und sie im persönlichen Gespräch auch aufs Genaueste beschreiben – und oft hinreißend nachahmen. Er hatte ja das Ohr und die Gabe für alle Zwischen- und Untertöne. In Texten und Figuren, die er mit seiner imposanten Physis haarscharf, hauchfein bis ins Ungeheure, ins Geisterhafte belebte. Jener „Balzac“ aber wurde auf Französisch gedreht, und Voss konnte kein Französisch.
Also lernte er seine Rolle buchstäblich auswendig, Wort für Wort. Um aber auf seine Partner jeweils reagieren zu können, lernte er auch die Parts seiner Mitspieler und versuchte, sie sich in vielen Nuancen mit vorzustellen. Nun hatte Voss als Victor Hugo gleich am ersten Drehtag einen langen, ohne Schnitt gefilmten Auftritt, bei dem er mit dem italienischen Kollegen Sergio Rubini eine pompöse Treppe in dem von Balzac bewohnten Schloss im lebhaft nuancierten Wechselgespräch emporsteigen sollte. Oben auf der Schlossgalerie standen dazu Depardieu & Co., um zuzuschauen, was dieser ihnen persönlich noch unbekannte, weil selten in Filmen aufgetretene, von französischen und englischen Zeitungen nach Bühnengastspielen indes als „größter Theaterschauspieler Europas“ gefeierte deutsche Kollege wohl zu bieten habe.

Voss legte parlierend los, und der Italiener Rubini erwiderte temperamentvoll gestikulierend – freilich ohne französischen Text, nur einen romanischen Privatkauderwelsch mimend. Nach ein paar Stufen der langen Treppe hing so alles bereits in der Luft, aber Gert Voss erfand, perplex und geistesgegenwärtig zugleich, für sie beide etwas sinngemäß Drittes, riss den Italiener mit seiner Improvisation und Intuition einfach mit und legte einen wundersam perfekten Auftritt hin. Auf der Treppe oben angekommen, spendete die Galerie Szenenapplaus.

Ein Stück menschliche Komödie. Der Dichter Thomas Bernhard hatte 1986 für die Schauspielerinnen Ilse Ritte, Kirsten Dene und ihren Ensemblekollegen Gert Voss eigens die familiäre Tragikomödie „Ritter, Dene, Voss“ geschrieben: eine der Triumphproduktionen des Theaterdirektors Claus Peymann, der damals mit seinen Stars gerade von Bochum ans Wiener Burgtheater wechselte. Keiner, der Voss und „Voss“ in der Rolle des aus dem Irrenhaus ins Elternhaus gewechselten tyrannisch-kindlichen Philosophenbruders im Liebeswürgegriff der beiden Schwestern gesehen hat, wird das vergessen: Wie der vielfach preisgekrönte Gert Voss mit immer vollerem, gebäckverschlingendem Mund und geblähtem Hals das Wort „Brandteigkrapfen“ als Weltsehnsuchtswort mit grollenden „Rrrs“ herausschleuderte, herausschrie und als viersilbige Welthammerformel, sich und alle Existenz zermalmend, auskotzte.

Die Aufführung wurde 20 Jahre später in der Originalbesetzung nochmals in Wien und im Berliner Ensemble gezeigt. Das war schönstes Theatermuseum, bis Voss auftrat und die Szene mit neuem ungeheurem Leben füllte und den Brandteigkrapfen zur Madeleine einer plötzlich rücklaufenden, wiedergefundenen Zeit machte. Und dann nochmals eine Hommage an Thomas Bernhard und an den Beruf des Schauspielers: 2011 wäre der österreichische Schriftsteller 80 Jahre alt geworden, und Claus Peymann inszenierte mit Gert Voss Bernhards Monodrama „Einfach kompliziert“. Voss spielte einen alten, in der letzten Kammer seiner Erinnerungen sterbenden Schauspielkünstler und konnte sich in eine ihn wärmende schäbigen Wolldecke noch hüllen wie in einen shakespeareschen Königsmantel. Abgedankt, aber ein Königsschauspieler, ein Schauspielerkönig für immer.

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