Nachruf auf Otfried Preußler : Potzblitz Hotzenplotz!

Der Mann, der die Angst vertrieb: Der Geschichtenerzähler und Autor Otfried Preußler begeisterte Generationen von Kindern mit Büchern wie "Die kleine Hexe“, „Räuber Hotzenplotz“ und „Krabat“. Ein Nachruf.

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Kinderbuchautor Otfried Preußler.
Kinderbuchautor Otfried Preußler.Foto: epd

Als Otfried Preußler selbst noch ein kleiner Junge war, in den späten zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts im nordböhmischen Reichenberg, erzählte ihm seine Großmutter Dora immer Geschichten aus einem Buch, das er seltsamerweise nie zu Gesicht bekam. Das machte ihm und seinem jüngeren Bruder zunächst nichts aus, bis ihnen auffiel, „dass Großmutter, sobald wir um die Wiederholung einer Geschichte baten, die uns vor drei, vier Wochen besonders gefallen hatte, diese Geschichte zwar in der Regel wie damals beginnen ließ – dass sie ihr überm Erzählen aber entglitt, sie einen völlig veränderten Verlauf nahm“. Der nun noch inständigeren Bitten ihrer Enkelkinder, ihnen das Buch doch zu zeigen, kam Großmutter Dora weiterhin nicht nach: Mal war es einfach verlegt, mal war es verliehen, dann wieder beim Buchbinder.

Seine Großmutter sei eine begnadete Geschichtenerzählerin gewesen, „der es mitunter vor ihrer eigenen Fantasie ein wenig bange geworden sein mag“, schrieb Otfried Preußler in einer 2009 veröffentlichten und von seinen drei Töchtern herausgegebenen autobiografischen Textsammlung mit dem Titel „Ich bin ein Geschichtenerzähler“. Das Talent zum Erzählen besonders für Kinder muss er von ihr geerbt haben, für Geschichten wie „Der kleine Wassermann“, „Die kleine Hexe“, „Räuber Hotzenplotz“ und „Krabat“, die es in Buchform dann zu einer Gesamtauflage von über 50 Millionen weltweit gebracht haben.

Otfried Preußler - seine Werke
127 Jahre alt ist die kleine Hexe. Ein ziemlich junges Alter – zumindest in der Hexengemeinschaft. Von den Alten bekommt sie nicht die Anerkennung, die sie sich wünscht. Um dazuzugehören bemüht sich die kleine Hexe, eine möglichst gute Hexe zu werden. Aber all die guten Taten helfen ihr nicht weiter, denn gut meint in der Hexenwelt böse. Das wird ihr erst bewusst, als sie dem Hexenrat von ihren Erfolgen berichtet. Dieser zeigt sich darüber nicht begeistert und beschließt, die kleine Hexe zu bestrafen.Alle Bilder anzeigen
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21.02.2013 10:58127 Jahre alt ist die kleine Hexe. Ein ziemlich junges Alter – zumindest in der Hexengemeinschaft. Von den Alten bekommt sie nicht...

Trotzdem betonte der 1923 als Kind eines Lehrerehepaars geborene Preußler stets, primär ein Geschichtenerzähler zu sein und erst dann ein Schriftsteller, ein „Einmanntheater vor lebendigem Publikum“. Tatsächlich entwarf er seine Sätze und Geschichten auf langen Spaziergängen, sprach sie in ein Diktiergerät und hörte sie wieder ab. Erst dann schrieb er sie nieder und überarbeitete sie. Sein erstes Publikum waren die Kinder in einer Volksschule im oberbayrischen Rosenheim, wo er nach seiner Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft von 1951 an eine Ausbildung zum Lehrer absolvierte. Dabei wurde ihm bewusst, dass Kinder keine Lehrstücke wollen, „sondern Geschichten, die der Fantasie Nahrung geben und ihnen helfen, mit mancherlei Ängsten besser fertig zu werden“.

Daran sollte er sich fortan halten, von „Das kleine Spiel vom Wettermachen“ oder „Das Spiel vom lieben langen Jahr“ von 1951 bis zu seinen zuletzt veröffentlichten mehrbändigen „13 Geschichten“, die von Hexen und Zaubermeistern handeln, von Schätzen und ihren Hütern, von armen Seelen und mancherlei Geisterspuk. Nachdem Preußler nach diversen Verlagsabsagen 1956 endlich „Der kleine Wassermann“ veröffentlichen konnte, folgte ein Jahr darauf die Erzählung „Die kleine Hexe“, die ihm den Deutschen Jugendbuchpreis einbrachte und ihn zum Lieblingsschriftsteller ganzer Generationen von Kindern werden ließ. Die kleine Hexe wurde zu einer exemplarischen Figur in Preußlers Werk. Sie soll zu einer guten Hexe werden und ein Jahr lang ausnahmslos gute Taten vollbringen, um endlich mit den großen Hexen an der Walpurgisnacht teilnehmen zu dürfen. Als es aber soweit ist, erfährt sie von den großen Hexen, dass sich eine gute Hexe dadurch auszeichnet, böse zu sein – so böse, dass die kleine Hexe am Ende den großen das Hexen unmöglich macht.

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