Nachruf auf Raffael Rheinsberg : Sammler und Dichter

Zum Tod des Bildhauers Raffael Rheinsberg, der in den Siebzigern von Schleswig-Holstein nach Berlin kam und hier seine poetischen Assemblagen schuf.

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Raffael Rheinsberg 2006 im Foyer der Neuen Nationalgalerie vor seiner Bodenarbeit "Eine andere Welt, eine andere Zeit".
Raffael Rheinsberg 2006 im Foyer der Neuen Nationalgalerie vor seiner Bodenarbeit "Eine andere Welt, eine andere Zeit".Foto: Miguel Villagran/dpa

„Gebrochen Deutsch“ heißt eine seiner Installationen, bestehend aus Ost-Berliner Straßenschildern, die nach der Wende zerstört oder unlesbar gemacht worden waren. Raffael Rheinsberg hatte sie kurz nach der Wende zusammengetragen und als Memento für die Brüche deutsch-deutscher Geschichte zu einem drei mal fünf Meter großen Feld arrangiert.

Der Kieler Bildhauer war ein Künstler wie für Berlin gemacht – oder auch umgekehrt. Mit einem Stipendium vom damals noch jungen Künstlerhaus Bethanien am Mariannenplatz kam er in den siebziger Jahren aus Schleswig-Holstein in die Mauerstadt. Hier fand er in den Hinterhöfen, auf den Brachen, in den Industrieruinen das Material für seine Assemblagen, die er großflächig zu Füßen der Ausstellungsbesucher ausbreitete.

Rheinsberg besaß die Gnade des Finders. Aus Müll, eisernem Schrott, Überresten der Zivilisation schuf er unvergessliche Bilder von hoher Poesie. Wie ein Dichter arrangierte der gelernte Former und Gießer seine teilweise schwergewichtigen Elemente, die bei aller Grobheit plötzlich fragil erscheinen konnten. Maschinenteile, Handwerksgerät, Kleidungsstücke, Koffer – all das benutzte Rheinsberg als sein Alphabet.

Er schuf ein Memorial aus Buchstücken deutscher U-Boote

Genauso könnte man den Künstler auch als Archäologen jüngster Vergangenheit bezeichnen. Geboren 1943 tauchte das Thema Krieg bei ihm immer wieder auf. Besonders eindrucksvoll 2009 mit einer Ausstellung im Hochbunker in der Schöneberger Pallasstraße, wo er aus Bruchstücken deutscher U-Boote und Panzer ein 3000-teiliges Memorial schuf.

Doch Rheinsberg suchte und fand auch in anderen Ländern: aus Tokio brachte er Hifi-Schrott mit, aus Brasilien die am Ufer des Amazonas oder Rio Madre zurückgelassenen Bohrköpfe der Goldsucher, aus São Paulo die roten Holzbuchstaben eines Kinos. Was schon weggeworfen war, erfuhr unter seinen Händen eine überraschende Erhöhung, der Ursprungsort eine Hommage der anderen Art. Am 27. Oktober ist Rheinsberg in Trier mit 73 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Nicola Kuhn

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