Nachruf B.B.King : Buddha des Blues

Der Gitarrist und Sänger B.B. King, Idol von Jimi Hendrix und Eric Clapton, ist mit 89 Jahren in Las Vegas gestorben.

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Die Gitarre war seine Geliebte. B. B. King, geboren 1925 in Itta Bena, Mississippi, gestorben am 14. Mai 2015 in Las Vegas.
Die Gitarre war seine Geliebte. B. B. King, geboren 1925 in Itta Bena, Mississippi, gestorben am 14. Mai 2015 in Las Vegas.Foto: AFP

Der Blues ist die Musik der Verlierer. Erstaunlicherweise hat sie aber auch Gewinner hervorgebracht. B. B. King, der am Donnerstag im Alter von 89 Jahren in Las Vegas gestorben ist, hat mit Songs wie „Worry, Worry“, „I’ll Survive“ oder „Every Day I Have the Blues“ ein Leben ohne Geld und voller Sorgen besungen. Damit stieg der Gitarrist, der an den Baumwollfeldern des Mississippi aufgewachsen war, zu einem der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts auf.

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Der US-amerikanische Blues-Sänger B.B. King ist tot. Er starb am Freitag im Alter von 89 Jahren in Las Vegas.Weitere Bilder anzeigen
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15.05.2015 11:43Der US-amerikanische Blues-Sänger B.B. King ist tot. Er starb am Freitag im Alter von 89 Jahren in Las Vegas.

Seinen ersten Nummer-1-Hit in den amerikanischen Rhythm’n’Blues-Charts hatte er 1951. Am Ende seines Lebens war er Multimillionär und besaß neben einer Villa in Las Vegas eine Kette von Blues-Clubs, die seinen Namen trugen, mit Filialen unter anderem an der Beale Street in Memphis und am Times Square von New York. Wie außer ihm nur noch Muddy Waters, Howlin’ Wolf und John Lee Hooker hat B.B. King den Blues elektrifiziert, modernisiert und populär gemacht. „I’m the king of the blues“ sang er, halb ironisch und halb großkotzig, bereits Ende der fünfziger Jahre. Aus Blues, das ist seine Lebensleistung, wurde eine Art Pop. „Ich wollte meine Gitarre mit den menschlichen Gefühlen verbinden“, lautete sein Credo, festgehalten in der Autobiografie „Blues All Around Me“.

B.B. King war ein großer Minimalist, die Geschichten, die er mit seiner Gitarre erzählt, handeln auf sehr lakonische Weise von den größten Gefühlen. Vom Abschiednehmen und Auseinandergehen: „Partin’ Time“. Vom Sex: „I love the way she spread her wings.“ Vom Nachtleben: „It ain’t no good life but it’s my life.“ Vom Verlassenwerden: „Woke Up This Mornin’ ( My Baby Is Gone)“. Da heißt es zu rollenden Bläsersätzen und wildem Bongogetrommel: „I ain’t got nobody stayin’ home with me / My baby she’s gone, I’m in misery“. Misery: Jammer, Not und Trübsal. Die Lieder, die B.B. King aufgenommen hat, klingen deshalb bis heute so erschütternd, weil er in ihnen immer auch von sich gesungen hat.

Das verlassene Kind, das da schreit, ist er selbst. B.B. heißt ursprünglich Riley B. King. Er kam 1925 in Itta Bena zur Welt, einem Städtchen im US-Bundesstaat Mississippi. Die Mutter verschwand früh aus seiner Welt. Als Riley vier Jahre alt war, trennten sich die Eltern, und er zog zu den Großeltern. Als er neun war, starb die Mutter, und er lebte für zwei Jahre beim Vater. Riley wurde hin- und hergeschoben, ein unstetes Dasein voller Abschiede und Neuanfänge, das er später als Profimusiker fortsetzen sollte. Seine „never ending tour“ begann irgendwann in den fünfziger Jahren. Im Rekordjahr 1956 gab er 342 Konzerte, und danach hat er ein halbes Jahrhundert lang alljährlich zwischen 200 und 300 Auftritte absolviert. Eine Kernbotschaft des Blues, die B.B. King in „Let The Good Times Roll“ formulierte, lautet: „Hey, everybody, let’s have some fun / You only live but once.“ Habt Spaß, denn jeder lebt nur ein Mal. Der Sänger war zwei Mal verheiratet, die letzte Ehe endete 1966 mit einer Scheidung. Nach eigenen Angaben hatte er 15 Kinder mit 15 Frauen.

Das Vibrato übernahm er von Django Reinhardt

Künstlerisch geboren wurde B.B. King in Memphis, das in den vierziger und fünfziger Jahren noch vor New Orleans die musikalisch aufregendste Stadt des amerikanischen Südens war. Riley kam 1946 nach Memphis und bekam dort bald den Spitznamen „Beale Street Blues Boy“, sein Moderationspseudonym bei einem Radiosender. Die Abkürzung lautete: B.B. Riley hatte in einem Kirchenchor gesungen und mit 13 Jahren eine Acht-Dollar-Gitarre geschenkt bekommen. Eines seiner Idole war Blind Lemon Jefferson, ein blinder Country-Blues-Pionier, der sein Instrument an einer Schnur über der Schulter trug. Von Lonnie Johnson lernte King, einen „cleaner, clearer touch“ zu spielen, den klaren und flüssigen Stil, mit dem er bekannt werden sollte. Und das Vibrato hat er vom französischen Jazzgitarristen Django Reinhardt übernommen.

Eric Clapton verabschiedete sich per Videobotschaft von seinem langjährigen Freund:

Was wollen Sie mit Ihrer Musik bewirken, wurde B.B. King 1972 bei einem Interview gefragt. Seine Antwort: „Ich möchte, dass die ganze Welt sieht, wie B.B. King den Blues singt und spielt.“ Das hat er erreicht, aber bis dahin war es ein weiter Weg. So wie er später vom Beginn seiner Karriere erzählte, schien sein Aufstieg eher mit Zufällen als mit Talent zu tun gehabt zu haben. Pures Understatement. In Wirklichkeit musste sich der Musiker mühsam hocharbeiten von allerkleinsten Bühnen bis in die Carnegie Hall und in die Royal Albert Hall. Aber es gab immer wieder Glücksmomente. 1949 lud ihn der Gitarrist Sonny Boy Williamson II in seine Radioshow ein, und weil es einer Hörerin gefallen hatte, wie der Studiogast gesungen und gespielt hatte, bekam er noch einen Auftritt in derselben Nacht.

„Ich kassierte zwölf Dollar, und das bald dann jede Woche“, erinnerte sich B.B. King. „Zwölf amerikanische Dollar, und auf den Felden hatte ich 45 Cent für 100 Ballen Baumwolle bekommen.“ Er spielte in einem Nachtlokal zur Unterhaltung einiger Ladies, deren Männer im Hinterzimmer pokerten. „Das war der beste Job meines Lebens.“ Seine erste Platte nahm der Gitarrist 1949 in Nashville auf.

Der Blues erzählt Geschichten, simple Geschichten, immergleiche Geschichten. Wo er aufhört zu singen, hat B.B. King gesagt, „da singt meine Gitarre weiter“. Die Gitarre war seine Geliebte, er nannte sie „Lucille“. Der Name geht zurück auf einen Auftritt in Arkansas, wo zwei Zuschauer dermaßen in Streit gerieten, dass sie ein zum Heizen aufgestelltes Fass mit Kerosin umstießen und das ganze Gebäude anzündeten. King rief noch mal in das brennende Haus zurück, um seine Gitarre zu retten. Die Frau, wegen der die Männer gestritten hatten, hieß Lucille.

Bei seinen letzten Tourneen – 2006 kam er noch einmal nach Berlin – spielte der Gitarrist im Sitzen. „Lucille“ lag auf seinem Bauch. Ein Buddha des Blues, seine Lieder klangen immer gelassener, beinahe meditativ. Für weiße Rockmusiker war B.B. King zum Idol geworden, als er 1968 das Fillmore West in San Francisco ausverkaufte, einen Tempel der Gegenkultur. Jimi Hendrix, Eric Clapton, Carlos Santana verehrten ihn. Mit U2 nahm er den Hit „When Loves Comes to Town“ auf. Jetzt ist der letzte große Bluesgitarrist tot. The Thrill is Gone.

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