Nachruf : Das weiße Quadrat

Er war der Meister der reinen Form: Oswald Mathias Ungers gehörte zu den wenigen deutschen Architekten, die international etwas galten. Auch zahlreiche Bauwerke Berlins entstammen seinen Entwürfen.

Falk Jaeger,Michael Zajonz
Ungers gestorben
Das große Vorbild. Ungers in der von ihm selbst erbauten Privatbibliothek in Köln. Im Hintergrund eine Büste des preußischen...Foto: dpa

Wer im letzten Jahr seine große Retrospektive „Kosmos der Architektur“ in Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie gesehen hat, lernte dort einen Thomas-Mann’schen Geist kennen: gelehrt und höchst reizbar; ewig unzufrieden und vielleicht gerade deshalb zur großen Form neigend; detailversessen und dennoch vom Bedürfnis getrieben, die ganze Welt anzupacken. Oswald Mathias Ungers gab sich als letzter Humanist unter den Architekten, im vollgültigen, altmodischen Sinn des Wortes.

Sein Bildungsanspruch reichte weit über die Gepflogenheiten und Bedürfnisse seiner Profession hinaus. Als Kunstsammler suchte er Anerkennung für den Kanon, dem er sich anschloss, und zugleich Bewunderung für den Mut, mit dem er bewusst davon abwich. Oft genug hat er mit seiner Oberlehrerattitüde genervt. Sein Rigorismus, persönlich und professionell, wurde gefürchtet, von Freunden und Feinden. Er war ein typischer Deutscher, wenn auch durch rheinisches Laisser-faire gemildert.

Ungers, hochgewachsen wirkend noch am Stock, selbst als alter Mann voller Esprit und Witz, gehörte zu den wenigen deutschen Architekten seiner Generation, die international etwas galten. Mit einem Furor und unbedingten Willen zur strengen Form. Ein Mensch voller Widersprüche, ein Star aus Köln.

Doch Ungers und Berlin, das war keine Liebesbeziehung, und die Ehre, die ihm mit dem Auftrag zum Umbau des Pergamonmuseums zuteil wurde, hat man ihm hier lange verwehrt. Sein Wohnungsbau im Märkischen Viertel aus den Jahren 1962 bis 1967 war frühzeitig in Verruf geraten. Die TU Berlin, wo er als emphatischer Lehrer viele Studenten prägte, verließ er im Zorn, weil er die Folgen der 68er-Umtriebe nicht akzeptieren mochte. Und als er nach einem Jahrzehnt erfolgreicher Lehr- und Forschungstätigkeit in den USA (aber ohne größere Bauaufträge) zurückkehrte, als Berlin sich anschickte, mit der Internationalen Bauausstellung den architektonischen Aufschwung zu planen, da war schon einer am Ort, der die Fäden zog: Josef Paul Kleihues. Zu ähnlich waren sich die beiden in Neigung und Ausrichtung, als dass beide nebeneinander hätten agieren können.

Ungers, 1926 im Eifelstädtchen Kaisersesch geboren und schon seit seinem Diplom, das er 1950 bei Egon Eiermann an der TU Karlsruhe ablegte, in Köln beheimatet, zog sich wieder an den Rhein zurück, nicht ohne von dort aus ins Berliner Baugeschehen einzugreifen. Beschränkte sich sein Freund und Rivale Kleihues auf die Rolle als IBA-Impresario, konnte Ungers selbst bauen: Wohnhäuser in Charlottenburg, Tiergarten und Kreuzberg, die Abwasserpumpstation in Moabit, das Familiengericht am Landwehrkanal.

Nach der Wende entstand der Block 205 in der Friedrichstraße. Ab 1989 realisierte er das umfangreichste Bauvorhaben, das Berlin in den neunziger Jahren zu vergeben hatte, die Umgestaltung und Erweiterung des Messegeländes, ein Milliardenprojekt, das erst 2003 mit der Einweihung des neuen Eingangs Süd zu einem vorläufigen Abschluss kam.

Weitläufige Messebauten hat er auch in Frankfurt am Main abgeliefert, dazu das „Torhaus“, ein zeichenhaftes Hochhaus, das trotz seiner vergleichsweise geringen Höhe Helmut Jahns Messeturm den Rang abläuft. In Frankfurt steht aber auch das Deutsche Architektur Museum, das Ungers 1979 bis 1984 erbaute. Mit seinem „Haus-im-Haus-Prinzip“ ist es eines seiner programmatischsten Werke, denn es zeigt, wie sich das rationalistische Quadratraster der völlig ausgekernten neoklassizistischen Villa bemächtigt.

Es zeigt aber auch das Primat der Form über Funktion und soziale Aspekte, ja selbst über die konstruktiven Bedingungen in der Architektur. Ungers sah sich in der Nachfolge der Vitruv, Alberti, Boullée, Schinkel und insbesondere Durand. Deren Werke hat er studiert und vor allem gesammelt, hat die wohl bedeutendste Architekturbibliothek Deutschlands zusammengetragen, hat für sie neben seinem ersten Privathaus einen kubischen Bücherschrein, eine „Kaaba der Baukunst“ errichtet und hat die Sammlung in die „Stiftung Ungers – Archiv für Architekturwissenschaft“ überführt.

Zwei Straßen weiter steht sein drittes, letztes Privathaus, ein weißer, abstrakter Archetypus aus dem Jahr 1996, der von seiner Lesart der Architekturtheorie durchdrungen ist, dessen Ordnung, Gliederung und Proportionen bis zum letzten Schlüsselloch den in der Renaissance gefundenen Gesetzen gehorcht – ein Idealbau, ein Bekenntnis, ein architekturideologisches Manifest. Die Frage nach dem Wohnwert wäre ein Sakrileg. Zum gemütlichen Wohnen für Normalbürger war der Bau nie gedacht.

Mit der Hinwendung zur Geometrie, zum Quadrat als Einheit in der Vielfalt, zum Kubus als Primärstruktur jeglichen architektonischen Raumes, sei es ein Sitzmöbel oder einer Messehalle, mit dieser formalen Selbstbeschränkung ging freilich auch eine kommunikative Verarmung einher, die sich bei den jüngeren Projekten ins Negative kehrte. Das allen Bauten zugrunde liegende Quadrat-Schema erstarrte zum Schematismus. Ungers war nicht mehr in der Lage (oder bereit?), dem Genius Loci nachzuspüren und auf ihn so zu reagieren, wie er es einst formuliert und von seinen Schülern gefordert hatte. Die Blockbebauung an der Berliner Friedrichstraße, das Flughafengebäude in Frankfurt, der Kunstpalast in Düsseldorf, sie alle wurden austauschbar, verloren an Signifikanz und Überzeugungskraft. „Rationalisten“ nannten sie sich beide, Kleihues wie Ungers, doch während der Westfale bei seinem „poetischen Rationalismus“ das postmodern Erzählerische ins Spiel brachte, beharrte der Rheinländer auf der euklidischen Reinheit seiner Vorstellungswelt.

Die Arbeit auf der Berliner Museumsinsel forderte OMU, wie er in der Szene hieß, nochmals zu besonderem Engagement heraus. Mehr noch als Hans Kollhoff hatte er sich in die imperiale Architektur des Pergamonmuseums eingefühlt und sie kongenial ergänzt. Hier ist die Attitüde am Platze, die man ihm noch bei der recht pathetisch ausgefallenen Residenz des deutschen Botschafters in Washington als unangemessen vorgehalten hatte. Die konfliktreiche Auseinandersetzung mit einer vorgefundenen, historischen Situation hat ihn allemal zu seinen besten Leistungen inspiriert. Diese letzte Arbeit in Berlin hat er nicht mehr vollenden können. Wie seine Familie jetzt mitteilt, ist Oswald Mathias Ungers am Sonntag in seinem Heimatort Köln im Alter von 81 Jahren verstorben.

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