Nachruf : Der Neoklassizist

Der Berliner Komponist und Musikpädagoge Dietrich Erdmann ist nach schwerer Krankheit mit fast 92 Jahren am vergangenen Mittwoch gestorben.

Sabine Beikler
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Dietrich Erdmann, 1917-2009. -Foto: privat

Dietrich Erdmann hatte noch als Schüler bei Paul Hindemith, der damals an der Volksmusikschule Neukölln unterrichtete, und Harald Genzmer Satzlehrekurse belegt und später bei Kurt Thomas ein Chorleiterstudium aufgenommen. Bis zu seiner Emeritierung 1982 unterrichtete er an der Hochschule der Künste, der heutigen Universität der Künste.

Dietrich Erdmann war weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt. Seine Werke wurden auch in Japan, Südamerika, den USA, in der früheren Sowjetunion aufgeführt. Ursprünglich war sein Stil von Neuer Sachlichkeit und Neoklassizismus beeinflusst; er bewunderte Igor Strawinsky und Béla Bartók. Doch er entwickelte schnell einen eigenen musikalischen Charakter. Sein Musikstil ist durch formale Klarheit, Zugänglichkeit und rhythmische Lebendigkeit gekennzeichnet. Erdmann sagte einmal selbst, er wolle keine Musik für Kenner schreiben.

Schon frühe Werke wie die „Sechs kleinen Musikstücke“ aus dem Jahr 1933 weisen eine erstaunliche Stilsicherheit auf. Noch 1935 gelang es ihm, in Berlin einen „Arbeitskreis für Neue Musik“ zu gründen. Bis Ende der 40er Jahre dominierte instrumentale Kammermusik, in den 50er und 60er Jahren setzte Erdmann sich mit Kirchentonartlichem, mit barocken und klassischen Formen auseinander. 1949 schuf er seine Walt-Whitman-Kantate „Hymne an die Sonne“. In Erdmanns Spätwerk dominieren vor allem das Rhythmische und eine unkonventionelle Formenbildung. Sein Gesamtwerk umfasst alle Genres und Besetzungen: 16 Solokonzerte, zwölf Orchesterwerke, Klaviermusik, Solo- und Kammermusik für Streicher und Bläser sowie Lieder, Kantaten und Chormusik.

Auch die Musikpädagogik nahm einen großen Bestandteil seines Schaffens ein. Erdmann unterrichte nach dem Zweiten Weltkrieg an der Humboldt-Oberschule, folgte parallel schon einem Lehrauftrag an der früheren Pädagogischen Hochschule. Er baute dort 1949 das Musikseminar auf, das er leitete, bis es 1980 in die Hochschule der Künste integriert wurde. 1963 gründete Erdmann das „Studio Neue Musik“ im Rahmen des Deutschen Tonkünstlerverbandes sowie 1972 den Arbeitskreis für Kammermusik. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen.

Dietrich Erdmann war ein feinsinniger, weltoffener Mensch. Er interessierte sich nicht nur für die Musik, sondern auch für die Politik. Sein Vater, der Sozialist Lothar Erdmann, wurde 1939 im KZ Sachsenhausen ermordet. Er selbst überlebte als Wehrmachtsmusiker und Sanitäter Nazi-Regime und Kriegsgefangenschaft. Diese Zeit hat ihn für sein Leben geprägt.

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