Nachruf : Der Scharfsinnige

Theaterlenker, Kunstdenker und Zeitzeuge: mit dem Tod von Ivan Nagel am Ostermontag verliert Deutschland einen seiner großen Intellektuellen.

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Er hatte ein Ohr für falsche Töne. Ivan Nagel (28. Juni 1931 – 9. April 2012). Foto: Isolde Ohlbaum /laif
Er hatte ein Ohr für falsche Töne. Ivan Nagel (28. Juni 1931 – 9. April 2012). Foto: Isolde Ohlbaum /laifFoto: Isolde Ohlbaum/laif

Er war einer der geistvollsten Menschen in diesem Land. Mit seinem Tod am Ostermontag in Berlin geht viel verloren, selbst wenn seine Gedanken, seine Bücher bleiben.

In diesem Land? Ivan Nagel wurde 1931 als Kind einer jüdisch-großbürgerlichen Kaufmannsfamilie in Budapest geboren, in der seine Eltern sich in fünf Sprachen verständigen konnten. Bis 1944 redete man im Hause Nagel meist ungarisch und weniger deutsch. Doch in jenem letzten Kriegssommer war das Deutsche dann nur noch die Sprache der drohenden Vernichtung. Die Familie tauchte unter, entging nur knapp der Deportation nach Auschwitz, Ivan selbst überlebte mit falschem christlichem Namen, getrennt von der Familie. Einer seiner Budapester Schulfreunde war Peter Szondi, auch er ein Überlebender der Schoah und später illustrer Literaturwissenschaftler in Berlin, bis zu seinem frühen Selbstmord.

Den Schatten der Geschichte, nunmehr des Stalinismus im eben noch hoffnungsselig befreiten Budapest, musste Ivan Nagel ein zweites Mal entkommen. Erst als Jude, dann als Bürgersohn verfemt. Bevor Nagel, wie zuvor schon Peter Szondi, in die Schweiz emigrierte, hatte der zwei Jahre ältere Szondi dem jungen Freund 1947 nach Budapest ein erstes Exemplar des gerade erschienenen „Doktor Faustus“ mitgebracht. In Thomas Manns Roman über einen deutschen Komponisten, der seinen Pakt mit dem politischen Teufel geschlossen hatte, verdichteten sich schon einige der für Nagels Leben existenziellen Motive: Musik, Kunst, Kultur und ihr mal befreiender, mal bedrängender Zusammenhang mit der Zeitgeschichte.

Theodor W. Adorno, auch er ein Emigrant, hatte Thomas Mann beim Schreiben des „Doktor Faustus“ musiktheoretisch beraten. Als Staatenloser studierte Ivan Nagel zunächst Literaturwissenschaft und Soziologie in Paris und Heidelberg, bis er mit einem Hochbegabten-Stipendium in Philosophie und Kunsttheorie Adornos Schüler in Frankfurt am Main wurde. Seine intellektuelle Brillanz fiel sogleich auf – und 1955 verhinderten Adorno und der als literarischer Connaisseur feingebildete SPD-Politiker Carlo Schmid die bevorstehende Ausweisung Nagels. Sie verhalfen ihm später zur deutschen Staatsbürgerschaft. Nagel hat es diesem Land vielfältig gedankt, obwohl ihm Heimat nur die Welt war. Und die Welt der Künste, des schönen Geistes.

Schönheit galt ihm jedoch nie als ästhetisierender, geschmäcklerischer Dekor. Ob er über Mozarts Opern („das Allergrößte“) nachdachte oder über die Bilder Goyas, ob er über Shakespeares Dramen, das allen Glanz und alle Glorie der menschlichen Seele heraufbeschwörende Theater des alten Fritz Kortner oder die anarchische Wildheit des Bühnenzauberers Peter Zadek schrieb: Das Kunstschöne war für ihn immer eine zur Lebens- und Erkenntnislust anstiftende Imagination, die im Bewusstsein des menschenmöglichen Schreckens formuliert wurde. War Widerstand und Widerschein einer allemal widersprüchlichen Realität. War eben Kunst, nicht Kitsch.

Ivan Nagel wurde Theaterkritiker, Dramaturg der Münchner Kammerspiele in den 1960er Jahren, wo er mit dem Regisseur Fritz Kortner zusammenarbeiten durfte. „Adorno und Kortner sind meine Lehrer“, erzählte Ivan Nagel, als er (von 1972 bis ’79) schon Intendant am Deutschen Schauspielhaus Hamburg gewesen und später am Staatstheater Stuttgart und bei den Salzburger Festspielen fürs Schauspiel verantwortlich war. Einer wie Peter Zadek, sein größter, vitalster Regisseur seit den Hamburger Jahren, war doch „mehr gefährlicher Freund als abgesicherter Lehrer“. Nagel holte von Giorgio Strehler bis Luc Bondy, von Rudolf Noelte bis Claus Peymann, von den Schauspielern Will Quadflieg bis Ulrich Wildgruber und Gert Voss, von der blutjungen Eva Mattes bis zu Barbara Sukowa viele der Begabtesten an seine Häuser und ließ Stücke von Kroetz, Botho Strauß, Klaus Pohl, Harold Pinter oder David Mamet ur- und erstaufführen.

Ivan Nagel hat auch das Festival „Theater der Welt“ erfunden. Und das Berliner Theater hat er nach der Wende als Ideengeber mit seinem berühmten Senatsgutachten zur Lage der zerklüftet Hauptstadtszene gleich noch mitgerettet. Sein Vorschlag, das Berliner Ensemble so unterschiedlichen Geistern wie Heiner Müller (Status Ost) und Peter Zadek (Altwilder Westen) anzuvertrauen, erwies sich zwar als eher kontraproduktiv. Aber der Einfall, die Volksbühne am Rosa-Luxemburg- Platz dem junggenialischen Frank Castorf zu überlassen, beförderte den Wilden Osten, schuf, wo sonst leicht rote Hose und graue Chose geherrscht hätten, das lebendigste Theater überhaupt.

Im Juni vergangenen Jahres hatte er seinen 80. Geburtstag gefeiert. Ivan Nagel war schon sehr schmal geworden, immer etwas blasshäutig. Doch sah man ihn bei Berliner Premieren oder in Konzerten weiterhin im typischen Pullover, denn er trug nicht gerne Jackets, ein schlanker Herr mit einem dünnen freundlichen Lächeln und einer sehr sanften, mitunter nur leise ironisch angespitzten Stimme. Wer ihn nicht kannte, hätte kaum glauben mögen, wie scharf und scharfsinnig zornig er auch werden konnte. Wenn Dummheit, Grausamkeit, Feigheit ihn empörten. Dann intervenierte er: schreibend.

Er hatte ein Ohr für falsche Töne, nicht nur in der Musik. Und er kannte Amerika, nicht zuletzt als Kulturkorrespondent in New York, von wo er Anfang der 1980er Jahre für die „Frankfurter Allgemeine“ berichtet hatte. Und so erregte ihn, wie George W. Bush und seine Neocons nach dem 11. September 2001 die westliche Welt, auch ihre Medien, ideologisch in innen- und außenpolitische Konfrontationen trieben, wie Konformität oft das tiefere Nachdenken verhinderte. Daraus ist 2004, als Sammlung mehrerer Aufsätze, „Das Falschwörterbuch“ mit dem Untertitel „Krieg und Lüge am Jahrhundertbeginn“ entstanden.

Immer argumentierte der Zeit- und Kulturkritiker Ivan Nagel über die Grenzen des Politsprechs und des Tagesaktuellen hinaus. So vermochte er 1999 in seiner Eröffnungsrede zur Hamburger Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ Gedanken über Erinnerung und Vergessen, über Unschuld und Mitschuld erkenntnishell mit Überlegungen zu dreißig Takten aus Bachs Matthäus-Passion zu verbinden.

Ein weit gespannter Geist. Professor für Ästhetik an der Berliner Universität der Künste, Fellow auch des Berliner Wissenschaftskollegs. Seine 2006 und 2009 erschienenen Bücher über „Drama und Theater. Von Shakespeare bis Jelinek“ sowie „Gemälde und Drama“ (über Giotto, Masaccio und Leonardo) sind weit mehr als hochversierte kulturwissenschaftliche Studien. Sie sind immer auch Essays – also im Wortsinn: Versuche – über den intuitiv vergegenwärtigenden oder bildnerisch spirituellen Ausdruck des Menschenmöglichen. Es geht um Beispiele, das eigene Leben, die eigene Zeit auch sinnlich und dann sinnhaft zu erfahren.

Nagel war ein Intellektueller par excellence. Doch eben voller Empathie und der Lust, als Kunstanstifter zugleich Lebenslust zu fördern. Erst spät begann er, über seine eigene Homosexualität offen zu sprechen. Auch insoweit hatte er sich lange als Außenseiter empfunden. Nicht nur deswegen hat ihn am Ende das Thema Männerfreundschaft unter Künstlern der Renaissance bewegt. Die freie Liebe und die freie Freundschaft waren für ihn eine Utopie, die er in Kunst und Leben gesucht hat.

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