Nachruf : Die Kinder von New York

Zum Tod der großen Fotografin Helen Levitt. Lebendigkeit und Wärme in den Fotografien waren ihr Charakteristikum.

Nicola Kuhn

Spanish Harlem, die Bronx, Lower East Side – unsere Vorstellung von New Yorks Armenvierteln in den dreißiger, vierziger Jahren ist fest verbunden mit den Fotografien von Helen Levitt. Ihre Aufnahmen von Kindern, die auf dem Bürgersteig spielen, Müttern, die vor den Türen ihrer brickstone-Häuser auf den Treppenstufen sitzen und tratschen, gehören zum kollektiven Bildinventar des big apple. Zugleich scheint in diesen Momentaufnahmen eine Melodie mitzuschwingen, als würde sich ein geheimes Ballett vor den Augen der Betrachter vollziehen. Die im Bruchteil einer Auslösersekunde gefrorenen Gruppenkonstellationen, die Gestik und Mimik der kleinen und großen Hauptdarsteller zeigen vor allem eines: Die Straße tanzt.

Diese Lebendigkeit und Wärme ist das Charakteristikum von Helen Levitts Fotografien. Damit schenkte sie den downtown-Bewohnern ein sympathisches Selbstbild und machte sich selbst einen Namen als Klassikerin des „Street Photography“, die in keinem Buch der Fotogeschichte fehlen darf. Ihre Bedeutung erkannte sogleich auch das New Yorker Museum of Modern Art, das ihr 1943 eine erste Einzelausstellung widmete. Acht Jahre zuvor war die 22-Jährige Henri Cartier-Bresson begegnet, der sie auf seinen Streifzügen durch die Stadt mitnahm und von dem sie das Gespür für den „entscheidenden Moment“ erlernte. Wie er fotografierte auch sie mit einer Leica, einer unauffälligen Kleinbildkamera. Damit sich ihre Protagonisten möglichst unbeobachtet fühlten, benutzte Helen Levitt einen Winkelsucher, bei dem sie scheinbar in eine ganz andere Richtung schaute. Als Cartier-Bresson ein Jahr später die Stadt wieder verließ, ging die junge Fotografin zu Walker Evans, von dem sie die Lektion beigebracht bekam, niemals politische Botschaften in ihre Bilder zu packen. Bis zuletzt hat die überzeugte New Yorkerin erklärt, sie sei keine Soziologin. Nicht für die Leute habe sie sich interessiert, nur für ihre Fotos.

Ein einziges Mal verließ Helen Levitt ihre Stadt für eine Reise. Auf den Spuren ihres Vorbilds Cartier-Bresson besuchte sie 1941 Mexiko, um zu fotografieren. Zurückgekehrt, begann sie als Cutterin für Luis Bunuel. 1945/46 dreht sie ihren einzigen eigenen Film: „The Street, East Harlem“, einen späten Fund, den Catherine David 1997 für ihre Documenta X neben Fotografien aus der Frühzeit erstmals wieder präsentierte – als Gegenentwurf zu den digitalen, großformatigen Spielereien der zeitgenössischen Fotografie. Dieser beglückenden Entdeckung folgte im Jahr darauf eine Retrospektive, die unter anderem nach Berlin führte. Erst im vergangenen Jahr wurde die Grande Dame der Fotografie mit dem niedersächsischen Spektrum-Preis und einer Ausstellung im Sprengel-Museum Hannover geehrt, in der auch ihre Ausflüge in die Farbfotografie zu sehen waren. Am Sonntag verstarb Helen Levitt im Alter von 95 Jahren. Nicola Kuhn

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