Nachruf : Dirigieren heißt dienen

Ein Genie der Akribie: zum Tod des großen Kapellmeisters Kurt Sanderling, der mit 98 Jahren in Berlin gestorben ist.

Eckart Schwinger
Präziser Antreiber. Sanderling mit dem Deutschen Symphonie-Orchester. Foto: dpa
Präziser Antreiber. Sanderling mit dem Deutschen Symphonie-Orchester. Foto: dpaFoto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Er galt als eine Art Dinosaurier der Klassik-Szene, als Letzter seiner Art. Kurt Sanderling, der am Samstag, einen Tag vor seinem 99. Geburtstag in Berlin gestorben ist, gehörte zu den großen Männer der alten Dirigentengarde. „Er ist friedlich im Kreise der Familie eingeschlafen“, sagte sein Sohn, der ebenfalls Dirigent ist. Sanderling, der als junger Korrepetitor an der Städtischen Oper Berlin noch Dirigenten wie Leo Blech, Wilhelm Furtwängler, Erich Kleiber und Otto Klemperer in Opernaufführungen und Konzerten erlebt hat, war in den letzten Jahrzehnten seiner immer weiter ausgreifenden Karriere selbst zu einem Dirigenten von einer fast schon legendären musikalischen Bedeutung aufgestiegen

Sicherlich verströmte er stets eine sympathische Autorität, eine Aura, wie sie heutzutage nur noch ganz wenigen Dirigenten eigen sind, aber selbst in allerletzter Zeit, bei den von ihm mit geistvollem Elan und großer Altersweisheit geleiteten Konzerten „seines“ Berliner Sinfonie-Orchesters, des Deutschen Symphonie-Orchesters, der Philharmoniker oder der Staatskapelle, hatte man nie das Gefühl, dass er sich ein Denkmal setzen wollte. Er griff auch im neunten Lebensjahrzehnt beherzt ins Berliner Musikleben ein und setzte markante Akzente.

Allein aus seinen letzten Jahren sind Aufführungen in Erinnerung geblieben, die in ihrer Unmittelbarkeit, Tiefe und Sorgfalt einen ganz eigenen Rang besaßen. Wie brachte er bei der letzten „Eroica“, die er im Konzerthaus dirigierte, das BSO in Fahrt und überraschte mit einem bedrängend plastischen, restlos entschlackten Beethoven-Bild. Der Trauermarsch ging ohne peinliche Theatralik über die Bühne und fesselte durch die empfindsame Ausformung, den weiten Spannungsbogen. Eine besonders ergreifende, geradezu vollendet geformte Interpretation gelang ihm auch in der Philharmonie mit der letzten Sinfonie von Schostakowitsch, die er zusammen mit den Philharmonikern im Gedenken an Yehudi Menuhin musizierte. Mit Schostakowitsch verband Sanderling eine tiefe Freundschaft und Seelenverwandtschaft. Vor allem das Finale von dessen von vielen Zitaten und Anspielungen durchsetzter Sinfonie Nr. 15 op. 141, das wie ein Mahlersches Kinderlied verhallt, sich aber als Ausklang eines kleinen musikalischen Welttheaters entpuppt, wird man nicht vergessen.

Dass der einstige BSO-Chefdirigent nach der Wende zum ständigen Gastdirigenten der Westberliner Spitzenorchester avancierte, erschien ihm, der Ausgrenzung, Krieg und Emigration zu spüren bekam, nicht selbstverständlich. Denn als er 1960 aus Leningrad nach Berlin zurückkehrte, blieben für ihn im Staate Ulbrichts die Türen gen Westen erst einmal verschlossen. 1912 in Ostpreußen geboren, begann Sanderling, der nie eine Musikhochschule besucht hatte, 1931 seine Laufbahn an der Städtischen Oper in der Bismarckstraße. Schon 1933 musste er als „Nichtarier“ wieder weichen.

Dank des Jüdischen Kulturbundes konnte er sich über Wasser halten, 1936 emigrierte er in die Sowjetunion und wurde Dirigent am Moskauer Rundfunk. Während des Krieges leitete er das Sinfonieorchester in Charkow und erregte mit Schostakowitsch-Aufführungen Aufsehen. Obwohl Sanderling Stalins Staat als schreckliche Diktatur kennenlernte, vergaß er nie, wie er gesprächsweise betonte, dass er ihn vor Auschwitz bewahrt hatte.

1960 nahm Sanderling die Berufung zum Chefdirigenten des jungen Berliner Sinfonie-Orchesters an, das er bis 1977 in die Spitzenklasse führte. Dieser kritische und beharrliche Musiker, der sicherlich kein bequemer Dirigent war, der weder dem Orchester noch dem Publikum durch Konzessionen entgegenkam (auch nicht den Ostberliner Funktionären), ließ sich durch nichts von seinem strengen erzieherischen Konzept abbringen. Von Spielzeit zu Spielzeit wurde die Musizierweise seines neuen Orchesters flexibler, traten das moderne Klangspektrum, die eigene Qualität des BSO, das damals noch im Metropoltheater an der Friedrichstraße spielte, immer deutlicher zutage.

Der Aktionsradius eines Dirigenten seines Formates war auf die Dauer nicht auf Ostberlin einzugrenzen. Bald reiste Sanderling nicht nur mit dem BSO durch die Musikwelt, sondern auch mit dem Leipziger Gewandhausorchester und der Dresdner Staatskapelle, deren Chefdirigent er von 1964 bis 1967 war. Die eigene Weltkarriere begann allerdings erst 1972, als der immerhin schon Sechzigjährige für den todkranken Otto Klemperer beim Philharmonia Orchestra in London einsprang und einen sensationellen Erfolg errang. Sanderling, der wie Gustav Mahler – dem er schon äußerlich ähnelte – nach dem Motto „Das Werk hat immer recht“ allem Schlendrian zu Leibe rückte und Aufführungen von herausfordernder Exaktheit präsentierte, öffneten sich fortan Tür und Tor bei allen großen Orchestern. Dennoch betrachtete Kurt Sanderling die Chefdirigententätigkeit beim BSO als sein Lebenswerk.

Davon profitieren Sanderlings Nachfolger und nicht zuletzt „sein“ Orchester noch heute. Wer die denkwürdigen Sanderling-Konzerte im Konzerthaus oder der Philharmonie bis in die letzte Zeit hinein erlebt hat, weiß, dass da ein Dirigent mit nachschöpferischem Atem das Eisen schmiedete. Dennoch war seinen bewegenden Interpretationen immer ein tiefer Respekt vor dem Werk eines Beethoven, Tschaikowski oder Schostakowitsch anzumerken. Kurt Sanderling stand in seinen letzten Lebensjahren unumstritten und einsam zusammen mit Günter Wand in der ersten Reihe der großen, alten deutschen Dirigentenpersönlichkeiten. Auch wenn er das „Nie-fertig-Sein“ an seinem Beruf als bedrückend empfand und seine Söhne vom Dirigentenberuf abhalten wollte, hat er ihn selbst bis ins hohe Alter mit übergreifender Leidenschaft und heiligem Ernst ausgeübt.

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