Nachruf : Fritz Muliar ist tot

Er fühlte sich als "Darsteller des kleinen Mannes" und war ein großer Schauspieler. Ein Nachruf auf Fritz Muliar.

Andres Müry
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Fritz Muliar.Foto: dpa

Hätte er ein Brevier „Muliar von A – Z“ herausgegeben, unter welchem Buchstaben wäre wohl Claus Peymann vorgekommen? N wie Nazi? Oder gar V wie Vollnazi? Der populäre Wiener Volksschauspieler Fritz Muliar, der jetzt mit 89 Jahren gestorben ist, war bis zu seiner Pensionierung 1994 Mitglied des Burgtheaters und in den Piefke Peymann richtiggehend verhasst. Dessen Direktionszeit verglich er – historisch nicht sonderlich präzise – mit der Nazibesatzung. Das kann man, von Muliar unwidersprochen, in „Peymann von A – Z“ nachlesen, wo Peymann aus einem Brief zitiert, in dem Muliar einen jungen jüdischen Kollegen agitiert, er solle doch nicht unter „diesen Nazis“ spielen.

Gegen Peymanns Nachrede von „solchen hunderprozentigen Volltrotteln wie dem Schauspieler Fritz Muliar“ drohte der Geschmähte allerdings noch im vergangenen Dezember eine Unterlassungsklage an, worauf Peymann seinem „verlässlichsten und liebenswertesten Todfeind“ einen entspannten öffentlichen Brief schrieb, ihm gute Gesundheit wünschte und bekannte: „Ich bin froh, dass es Sie gibt!“ Wahr ist auch, dass Muliar unter der Ägide von Peymann seine berührendste, großartigste Altersrolle spielte: den Greis in Felix Mitterers Monodrama „Sibirien“.

Dass der engagierte Sozialdemokrat Muliar und der Linke Peymann sich wechselseitig mit einem Rechten oder gar Nazi verwechselten, dazu hat Ernst Jandl das Nötige gesagt: „Lechts und rinks/ kann man nicht/velwechsern./Werch ein illtum!“ Muliar allerdings hatte einschneidendere Erfahrungen mit den Nazis als Peymann. Als Adoptivsohn eines österreichischen Juden, dem 1938 die Flucht in die USA gelang, war er in seinen schauspielerischen Anfängen Mitglied eines Kabaretts, das den austrofaschistischen Ständestaat vor Hitler kritisierte. 1940 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, hielt auch dort nicht den Mund und kam wegen „Wehrkraftzersetzung“ in Haft. Er wurde sogar zum Tode verurteilt, durfte sich dann aber an Ostfront in einer Strafeinheit „bewähren“.

Die Technik des Überlebens konnte Muliar nach dem Krieg in seine berühmteste Rolle unvergesslich einbringen: in den braven Soldaten Schwejk in der gleichnamigen österreichischen Fernsehserie. Mit seinem „Melde gehorsamst“ spielte er sich in die Herzen der Österreicher. Populär wurde er auch in zahlreichen Nestroy-Rollen und mit seinen Soloprogrammen mit jüdischem Humor („Das Beste aus meiner jüdischen Witze- und Anekdotensammlung“), mit denen er seinem Stiefvater ein Denkmal setzte.

Muliar fühlte sich als „Darsteller des kleinen Mannes“, wodurch er aber seinen Radius weise eingeschränkt sah: „Ein jüdischer Bankier, das ist noch drinnen. Den Othello muss ich nicht unbedingt spielen. Den Lear – nur in einer Musicalfassung.“

Gleichwohl hat er in seinem Leben mehr erreicht als geplant. Zumindest, wenn man die Antwort bedenkt, der an seinem 80. Geburtstag zum Advent 1999 auf die Frage gab, wie alt er zu werden gedenke: 87. Und warum? „Mir hat der Hitler sieben Jahre meines Lebens gestohlen, die möchte ich jetzt noch gerne nachholen.“ Es ist ihm gelungen. Er hat in über hundert Filmen, Fernsehspielen und Serien mitgewirkt, seine Karriere umfasste über siebzig Jahre. Am Sonntagnachmittag stand Fritz Muliar im Theater an der Josefstadt noch in „Der Wirtin“ von Peter Turrini auf der Bühne. Nach einem Zusammenbruch in der Nacht verstarb er am Montag im Wiener Landeskrankenhaus. Andres Müry

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