Kultur : Nachruf: Glut vorm Vorhang: Ingrid Seidenfaden

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Ingrid Seidenfaden ist tot. Sie war Theaterkritikerin, in München, eine Stimme, auf die man achtete. Und eine leidenschaftliche Person, eine, die von innen verbrannte für das Theater, für die Kunst, für ihren Beruf, dünn, sehr zart, mit großen Augen. Nach den Premieren lief sie nachts in ihre Redaktion, in die Münchner "Abendzeitung", wo nur noch der Portier Wache hielt, glühend vor Glück oder vor Wut, in der Handtasche ein belegtes Brötchen. Dann schrieb sie ihre Artikel, die manchmal wunderbar waren und manchmal rätselhaft, und am nächsten Morgen fanden die Redakteure sie hin und wieder schlafend, zusammengerollt auf einem Sessel, daneben das Brötchenpapier. So lebte sie. Etwas anderes interessierte sie nicht. Sie war bescheiden, aber sie fiel trotzdem auf. Dass sie zwei Doktortitel besaß, wussten selbst von ihren guten Bekannten nicht alle. Über ihre Jugendjahre machte sie ein großes Geheimnis, da gab es etwas, an das sie niemanden heranlassen wollte. Aber über verflossene Liebhaber erzählte sie gerne kokette Geschichten.

Sie hat in München viele Jahrzehnte lang die gleiche Rolle gespielt wie Karena Niehoff in Berlin. Die Theaterkritikerin, die selber eine bessere Inszenierung darstellt als vieles, was auf der Bühne gezeigt wird. Wie jung sie war, bis zuletzt! Wie bedingungslos sie das Gelungene liebte, wie grausam ihre Verachtung für das Misslungene sein konnte! Wenn jemand daran zweifelte, dass das Theater die wichtigste Sache der Welt ist, wurde sie sehr, sehr wütend. Jetzt gibt es sie nicht mehr. Vielleicht gibt es bald niemanden mehr von dieser Art, Menschen, die in der Kunst nach Wahrheit suchen, nach Glück, nach Erlösung, und die auf ihrer Suche niemals schwankend werden. Ingrid Seidenfaden, die auch für den Tagesspiegel Kritiken geschrieben hat, wird heute in München beigesetzt. Sie ist 73 Jahre alt geworden.

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