Nachruf Harry Mulisch : Den Zweiten Weltkrieg im Blut

Phantasie ist Macht - zum Tod des großen niederländischen Schriftstellers Harry Mulisch.

von und Bernd Müller
Puppenspieler seiner Welt. Harry Mulisch 2007 in seinem Haus in Amsterdam. Foto: dpa
Puppenspieler seiner Welt. Harry Mulisch 2007 in seinem Haus in Amsterdam.Foto: dpa

Als Harry Mulisch bereits als junger Schriftsteller, Anfang der sechziger Jahre, in einer Autobiografie mit dem Titel „Selbstbildnis mit Turban“ Auskunft über seine Herkunft gab, formulierte er den anmaßenden, seinem Ego entsprechenden, aber durchaus treffenden Satz: „Ich bin der Zweite Weltkrieg, diese Zeit liegt mir im Blut.“ Geboren 1927 im niederländischen Haarlem als Sohn des ehemaligen tschechisch-sudetendeutschen k.u.k-Offiziers und Bankers Karl Victor Kurt Mulisch und der aus dem belgischen Antwerpen stammenden Jüdin Alice Schwartz, wurde er von Beginn seines Lebens mit den schlimmsten Widrigkeiten der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs konfrontiert. Sein Vater war unter der deutschen Besatzung bei einer Bank beschäftigt, die sich auch um die beschlagnahmten jüdischen Vermögen kümmerte. So war es diesem möglich, seine Ex-Frau, von der er sich 1936 hatte scheiden lassen, und Sohn Harry vor der Deportation zu schützen. Nach dem Krieg musste Vater Mulisch drei Jahre wegen Kollaboration im Gefängnis absitzen.

Nicht nur sein größter, vielleicht bedeutendster Roman „Die Entdeckung des Himmels“ von 1992, der in großen Teilen von den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs handelt, bewies dann, wie sehr Harry Mulisch diese Zeit tatsächlich im Blut steckte. Schon in seinem dritten, 1959 veröffentlichten Roman „Das steinerne Brautbett“ wählte er die Bombardements Dresdens durch die Alliierten als Stoff, spielte darin mit den niederländischen Klischees über die Deutschen, wendete sie auf seine Landsleute an, um schließlich bei einem ähnlich klischeebehafteten Antiamerikanismus zu landen.

1961 nahm Mulisch als Zeitungskorrespondent am Eichmann-Prozess in Israel teil, den er kurz darauf in einer literarischen Reportage bewältigte, „Strafsache 40/61“. Provozierend beschrieb er darin den Nazi-Mörder als „Symbol des Fortschritts“, als eine nur ihren Impulsen gehorchende Menschmaschine.

Nachdem er für „Strafsache 40/61“ in seiner Heimat mit einem literarischen Preis ausgezeichnet worden war, wurde Mulisch schon bald „weltberühmt in Holland“, wie er witzelte. Wirklich weltberühmt und in Folge zu einem ewigen Nobelpreiskandidaten machte ihn 1983 der Roman „Das Attentat“. Darin erzählt der Anästhesist Anton Steenwijk seine Lebensgeschichte von 1945 bis 1981, beginnend mit einem Anschlag von Widerstandskämpfern auf einen Polizisten und Kollaborateur, für den Antons Familie zu Unrecht verantwortlich gemacht wird. Sie wird von den Deutschen hingerichtet, und Anton gelingt es trotz seines Berufes nicht, dieses Geschehen zu verdrängen.

Auch Mulisch bleibt dran, ein letztes Mal, wie er verkündete, 2001 mit dem Roman „Siegfried. Eine schwarze Idylle“. Darin dichtet er Hitler und Eva Braun einen Sohn an, der von Pflegeeltern aufgezogen und von diesen auf Geheiß Hitlers 1944 hingerichtet wird. „Ich habe ihn verstanden, weil ich nichts verstanden habe“, lautete Mulischs Hitler-Roman-Resümee. Womit er zu verstehen gab, möglicherweise gescheitert zu sein bei dem Versuch, Hitler psychologisch auf den Grund zu kommen, ihn zu profanisieren und davon wegzurücken, ein „Phänomen“ oder „Naturereignis“ zu sein. „Phantasieexperiment“ nennt Mulischs alter ego in „Siegfried“, der Schriftsteller Herter, diesen Versuch über Hitler – und Phantasieexperimente waren oft auch Mulischs literarische Studien und Pamphlete über Psychologie, Geschichte, Gesellschaft, Philosophie und Theologie, die sich meist nur weitläufig an ursprünglich wissenschaftliche Diskurse anlehnen. Auf diesen Traktaten baut sich das von Mulisch erdachte und in sich schlüssige Universum, das Okkultes, Alchimistisches, Außerirdisches miteinbezieht. In dieser Erzählwelt ist die Konstruktion, die Schöpfung dieser Welt immer ein Thema. In dem im Übrigen auch selbstironisch das Warten auf den Nobelpreis reflektierenden Roman „Die Prozedur“ widmet Mulisch 1999 der Konstruktion von Sprache durch Buchstaben und Wörter ein ganzes Kapitel, und im Verlauf der Erzählhandlung erschaffen seine Romanfiguren gar einen neuen Menschen.

Mulischs Verhältnis zu seinen Texten war symbiotisch. Sie spiegeln ihn selbst, und er war ein Teil von ihnen. Seine literarische Welt entspricht im Wesentlichen dem Puppentheater aus seinem Erstlingswerk „Archibald Strohalm“. Dort gibt es eine imaginäre göttliche Instanz, den Puppenspieler, der „die Puppen tanzen lässt“.

Trotz seines frühen niederländischen Weltruhms musste Mulisch in seiner Heimat oft mit Ressentiments kämpfen. Der auf einer Kuba-Reise 1968 basierende, Fidel Castro verherrlichende politische Reportage-Roman „Das Wort zur Tat“ war sehr umstritten und brachte ihm das Image eines Salonsozialisten ein. Auch die dandyhafte öffentliche Selbstdarstellung als bedeutender Künstler, der sich in Fernsehshows hingebungsvoll die Pfeife stopft, wurde ihm in den calvinistischen Niederlanden lange übel genommen.

In diesem Universum aber ist alles Theater, eine Inszenierung nach seinem Gutdünken, bei der der Autor, Regisseur, Komponist und Bühnenbildner hinter den Kulissen immer sichtbar bleibt. Es ist eine faszinierende Welt, eine eigenwillige und pointierte. Eine Welt, die Mulisch einmal so beschrieben hat: „Ich phantasiere nie. Ich erinnere mich an Dinge, die nie geschehen sind.“ Am Samstagabend ist Harry Mulisch in seinem Haus in Amsterdam gestorben.

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