Nachruf Helga Königsdorf : Niederlage einer Kämpferin

Sie hat die DDR erst kritisch begleitet, dann hat sie sich zusehends von ihr distanziert.. Nun ist die Schriftstellerin Helga Königsdorf mit 75 Jahren gestorben.

Helga Königsdorf.
Helga Königsdorf.Foto: dpa

Sie hatte dem Tod seit einer halben Ewigkeit ins Auge gesehen. Schon am Ende ihrer 2002 erschienenen Lebenserinnerungen „Landschaft in wechselndem Licht“ (Aufbau Verlag) ließ sie ihre Leser aber wissen, nicht kampflos gehen zu wollen: „Ich akzeptiere das Sterben nicht. Ich sterbe unter Protest.“ Zu einem weiteren Buch hat diese Wehrhaftigkeit nicht mehr gereicht. Am vergangenen Sonntag ist sie im Alter von 75 Jahren ihrer langjährigen Parkinson-Erkrankung erlegen.

1938 in Gera geboren, gehörte ihr erstes Leben der Wissenschaft. Sie studierte Physik, promovierte über ein Problem der Wahrscheinlichkeitsrechnung und bekam 1974 an der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften eine Professur am Mathematischen Institut. 1978 veröffentlichte sie mit „Meine ungehörigen Träume“ ihren ersten Band mit Kurzgeschichten. Weitere Erzählungsbände folgten, deren Stoff sie auch im Wissenschaftsbetrieb fand. Ihr erster Roman, „Der Schatten des Regenbogens“, erschien erst 1993.

Da war sie schon drauf und dran, die leise Sehnsucht abzustreifen, die sie noch mit dem DDR-Sozialismus verband. Helga Königsdorf hatte sich, gerade als SED-Mitglied, immer als kritische Wegbegleiterin ihres Staates verstanden, weshalb ihr der Mauerfall zunächst auch als kapitalistische Kolonialisierung erschien. 1990 kandidierte sie in Stuttgart für die PDS, scheiterte - und entfernte sich mehr und mehr von dem, was ihr politisch so lange erstrebenswert erschienen war. Schrieb sie mit „Adieu DDR“ (1990) noch wehmütige „Protokolle eines Abschieds“, so hieß „Unterwegs nach Deutschland“ sechs Jahre später im Untertitel schon „Protokolle eines Aufbruchs“. Vollends ins Gericht mit den Illusionen des Arbeiter- und Bauernstaates ging sie in ihren Erinnerungen, in denen sie sich auch mit ihrer „Klassenherkunft“ aus einer Unternehmerfamilie auseinandersetzte.

Sie habe einmal, notiert sie darin mit einem Augenzwinkern, die Hedwig Courths-Mahler der DDR werden wollen. Ihr Lektor habe mit den Worten abgewunken, dafür gebe es ja den Sozialistischen Realismus. In ihren Büchern hat sie sich, ohne grundsätzlich an den Konventionen eines konventionellen Erzählens zu rütteln, aber auch darauf nicht eingelassen. Zum Träumen wie zur Ironie begabt, hatte sie vor allem ein Talent für selbstbestimmte Frauenfiguren. dpa/Tsp

0 Kommentare

Neuester Kommentar