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Nachruf John Hurt : Augen der Trauer

An Shakespeare geschult, mit kehligem Bariton: zum Tod des Schauspielers John Hurt.

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Bewegtes Leben. Der Brite John Hurt (1940-2017).
Bewegtes Leben. Der Brite John Hurt (1940-2017).Foto: Sebastien Nogier/dpa

John Hurt ist in seiner fast 60 Jahre währenden Karriere viele denkwürdige Tode gestorben, aber er wird in Erinnerung bleiben für seinen Auftritt in Ridley Scotts Science-Fiction-Film „Alien“. In einer der besten Dinner-Szenen der Kinogeschichte verfällt er über einem Teller Weltraumnahrung in konvulsivische Zuckungen, bis der garstige Wurm aus seiner Brust platzt. Niemand am Set war damals in Scotts Pläne eingeweiht, das Entsetzen in den Augen von Sigourney Weaver, Yaphet Kotto und Co nicht gespielt. Was letztlich vielleicht sogar ein Bonmot Hurts bestätigt, dass ernsthafte Schauspielerei bloß eine elaborierte Form des Cowboy-und-Indianer-Spiels sei.

John Hurt hatte am Übergang der siebziger zu den achtziger Jahren einen sagenhaften Lauf, der ihn direkt nach Hollywood katapultierte. 1978 spielte er in Oliver Stones Gefängnisdrama „Midnight Express“ einen Junkie, auf „Alien“ folgte einer seiner größten Erfolge als „Elefantenmann“ John Merrick im gleichnamigen Film von David Lynch, der ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte. Der meisterliche Spätwestern „Heaven's Gate“, kommerziell ein Flop, verpasste Hurts Karriere 1980 einen herben Dämpfer, von dem er sich erst gegen Ende der Dekade mit seiner Rolle als Lebemann und Gelegenheitszuhälter Stephen Ward in der Sex&Politik-Posse „Scandal“ erholte.

Von allen seinen Figuren stand dieser Stephan Ward Hurt, in jungen Jahren ebenfalls kein Kind von Traurigkeit, vielleicht am nächsten. Mit seinen Freunden Oliver Reed, Peter O’Toole and Richard Harris machte er in den Swinging Sixties London unsicher, auch dem Alkohol war er nie abgeneigt. Hurt hat aus dieser Schwäche keinen Hehl gemacht, vielleicht eine Reaktion auf sein strenges Elternhaus. Hurts Vater war Priester, die Mutter eine ehemalige Amateurschauspielerin. Sie verboten dem jungen John das Kino, stattdessen zog es ihn früh zum Theater. Als Achtjähriger spielte er bereits in der Theaterklasse seiner Schule, mit 20 erhielt er ein Stipendium an der Royal Academy of Dramatic Art.

Trotzdem machte Hurt keinen Unterschied zwischen Hoch- und Unterhaltungskultur, wie sich auch an seiner Rollenwahl zeigt. Dank der Harry-Potter-Auftritte entdeckte Hollywood Hurt Anfang der nuller Jahre ein zweites Mal als verlässlichen Nebendarsteller, meist als graue Eminenz mit subtilem Humor – in den „Hellboy“-Filmen, dem Agententhriller „Dame, König, As, Spion“ und im letzten Indiana-Jones-Sequel. Für seine Vielseitigkeit wurde er von Kollegen geschätzt, für sein emotionales Repertoire verehrt. „Johns Augen besitzen eine unermessliche Traurigkeit“, sagte der Produzent David Puttnam einmal über ihn. „Das ist die größte Qualität eines Schauspielers, weil er einen tiefen Schmerz ausdrücken kann.“ Über die Bedeutung seines Namens hat Hurt selbst immer wieder Witze gemacht.

Nicht minder markant war Hurts shakespearegeschulte Stimme, sein kehliger Bariton machte ihn auch zu einem beliebten Sprecher – als heroischer Hase im Animationsfilm „Watership Down“ oder als Erzähler in Lars von Triers „Dogville“. 2015 wurde bei Hurt, der im selben Jahr von der Queen zum Ritter geschlagen wurde, Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. In einem Interview mit der „Radio Times“ erklärte er jedoch kürzlich noch, dass er bis zum Schluss vor der Kamera stehen würde: „In meinem Alter habe ich keine Angst vor dem Tod.“ Gerade diese Woche ist er wieder im Kino zu sehen, als altersweiser Priester in Pablo Larraíns „Jackie“. Eine weitere Facette in der bewegten Karriere John Hurts, der über sich selbst sagte: „Was ich nun bin, der Mann, der Schauspieler, ist die Essenz von allem, das ich erlebt habe.“ Am Freitag ist John Hurt, nur fünf Tage nach seinem 77. Geburtstag, in London gestorben.

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