Nachruf : Kopftänzer der Großstadt

Kohle, Kacheln, Ziegelschutt: Zum Tod des Berliner Bildhauers Rainer Mang.

Nicola Kuhn

Wer an das Berlin der achtziger Jahre und seine Künstler denkt, dem kommen die Neuen Wilden und die Stahlbildwerker in den Sinn. Doch zwischen den Malern der Gegenständlichkeit und Bildhauern der Abstraktion gab es immer noch eine dritte Dimension, die Rainer Mang mit seinen Kopf stehenden Skulpturen vertrat. Mag es in den letzten Jahren um ihn auch stiller geworden sein, furios zeigte er 2000 in den Ausstellungsräumen des Allianz Hochhauses in Treptow noch einmal eine Überblicksschau seines Werk, so überrascht, ja erschrickt die Nachricht von seinem unerwarteten Tod dennoch sehr. Der 1943 in Offenbach geborene Bildhauer war ein Kerl von Mann; seine kraftvollen Figuren behaupten diese kernige Existenz noch fort.

Zu seinen berühmten Kopfstehern, die um ein Gerüst aus Stahl und Gips herum aus Kohle, Kacheln, Ziegelschutt gebildet sind, kam Mang jedoch erst auf Umwegen. Zwischen 1969 und 1976 studierte er an der Berliner Hochschule der Künste bei dem japanischen Bildhauer Tajiri noch fern der Figürlichkeit. Und trotzdem war sein Umgang mit unterschiedlichstem Material – Kalksteinbruch, Bretter, Rosshaar, sogar Torf –, das er zu Kreuzen, Pyramiden und Iglus kombinierte, selbstbewusst und ausdrucksstark. Bereits ein Jahr, nachdem das Gründungsmitglied der legendären Künstlergruppe 1/61 (dazu gehörten Reinhard Pods, Gerd Rohling, ter Hell, Frank Dornseif und Elke Lixfeld) in einem Kreuzberger Abrisshaus seine erste Einzelausstellung hatte, erhielt das Nachwuchstalent auch schon den Villa-Romana-Preis und eine Einladung für zwölf Monate nach Florenz. Hier, im Mutterland der Renaissance-Skulptur, veränderte sich noch einmal seine Auffassung von Bildhauerei, hier definierte sich sein Blick auf das Verhältnis von Figur und Raum, Abstraktion und Gegenständlichkeit völlig neu.

Und was macht ein Berliner Bildhauer-Urgestein, das seine ersten Erfahrungen als Baulehrling und Schreinereipraktikant sammelte, aus den zartgliedrigen Figuren des Florentiner Quattrocento? Die italienische Läuterung führte Mang zur Figürlichkeit. Dieser „berlinischste aller Bildhauer“ (Heinz Ohff) arbeitete zwar weiterhin mit seinem grobem Material, doch nahm es nun konkrete Formen an und bekam Menschengestalt. Ein weiteres Stipendium, 1984 beim PS1 in New York, lehrte die Mang-Männchen das Tanzen und den Kopfdreh, ganz so wie es der Künstler bei den Breakdancern auf den Straßen von Brooklyn sah. Die Dynamik dieser Großstadt-Akrobaten animierte den Bildhauer, auch bei seinem Werk neu über Statik, Balance, Schwerpunkt nachzudenken. Plötzlich erfasste seine eher plump wirkenden Figuren eine überraschende Schwerelosigkeit und Beweglichkeit.

Das besondere Berliner Charakteristikum von Mangs Skulpturen dürfte jedoch ihre Oberfläche sein. Nur hier, in der Ruinenstadt konnte er die schwarz-violett funkelnden Fassadenkacheln des alten Kempinski finden, nur hier Scherben aus original Meißner Porzellan entdecken, um sie als Ummantelung seiner Figuren kunstvoll wieder zu verwenden. In seinen tanzenden Skulpturen lebt Berliner Kunst- und Stadtgeschichte fröhlich fort.

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