Nachruf : Planet der Waffen

Er spielte Moses, Ben Hur - und Josef Mengele: Zum Tod des Hollywood-Stars Charlton Heston.

Frank Noack

Seinen letzten großen Leinwandauftritt hatte er vor sechs Jahren in Cannes. Es war ein beeindruckender, allerdings unfreiwilliger Auftritt, in dem Heston sich noch dazu selbst spielte. Er wusste nicht, dass der freundliche dicke Herr, mit dem er sich so ungezwungen über Schusswaffen unterhalten konnte, der Dokumentarfilmer Michael Moore war, der ihn in „Bowling for Columbine“ gnadenlos öffentlich bloßstellen würde. Das Highschool-Massaker von Littleton hatte soeben die Welt erschüttert, und als Präsident der National Rifle Association stand Charlton Heston unter Rechtfertigungsdruck. Er verteidigte im Film souverän seine Position, bis Moore ihm das Foto eines erschossenen Mädchens vorlegte – erschossen von einem gleichaltrigen Jungen. Da verstummte der so vorgeführte Heston. Und gewann seine Würde zurück. Es war unmöglich, ihn in dem Moment zu hassen. Wenig später legte er, schon gezeichnet von der Alzheimer-Krankheit, sein Amt nieder.

Der Mann, der über 400 Schusswaffen besaß, der sich für die Wahl der US-Präsidenten Ronald Reagan, George W. Bush und George Bush jr. engagiert und noch im Juli 2003 aus den Händen von Bush senior eine Medal of Freedom entgegengenommen hatte – dieser Mann gehörte in jüngeren Jahren zu den Hollywood-Liberalen, die an der Seite von Martin Luther King marschierten und die Wahl von John F. Kennedy unterstützten. 1968, nach dem Attentat auf dessen Bruder Robert, sprach sich Heston sogar für strengere Waffenkontrollen aus. Auf seine wechselhafte politische Biografie angesprochen, bestritt Heston eine Kehrtwendung. Ob er sich gegen Rassentrennung oder für den Verkauf von Waffen aussprach, immer sei es ihm um Freiheit und nichts als die Freiheit zu tun gewesen.

In die Filmgeschichte ist Charlton Heston längst als ein ganz anderer eingegangen – als Moses, Johannes der Täufer, Michelangelo, El Cid, Andrew Jackson und Thomas Jefferson. Für den mit Oscars überhäuften Sandalenfilm-Klassiker „Ben Hur“ (1959) erhielt er einen Oscar. Verdient hätte er den Preis bereits für „Die zehn Gebote“ (1956), Cecil B. DeMilles Bibelepos, das anders als „Ben Hur“ nicht auf die Sinnlichkeit verzichtet. Bevor er Gott begegnet, ist Moses ein zupackender Liebhaber. „Oh Moses“, seufzt die Frau des Pharao, „warum ich nur dich lieben muss, den starrsinnigsten von allen Männern!“ Heute mag man über solche Schmachtszenen des Kinos lächeln – Charlton Hestons Moses aber wirkt selbst dann noch seriös, wenn er mit bodenlangem weißen Rauschebart die Schlussworte spricht.

Immer wieder zog es ihn zu Shakespeare, mit allerdings bestenfalls achtbarem Resultat. Ein 11 000 Dollar billiger Amateurfilm nach „Julius Caesar“ ebnete ihm, der schon als Schüler mit dem Schauspielen begonnen hatte, 1950 den Weg nach Hollywood; sogar noch in Kenneth Branaghs „Hamlet“ (1996) absolvierte er einen Gastauftritt. Vielleicht wollte er beweisen, dass er mehr zu bieten hatte als ein markantes Kinn und breite Schultern. Unter dem Titel „The Actor’s Life“ veröffentlichte er seine Tagebücher aus der Zeit von 1956 bis 1976, bei deren Lektüre schwer verständlich scheint, was einen solch nachdenklichen Mann in die Arme von Reagan und Bush getrieben hat.

Auch seine Rollenwahl war alles andere als konservativ. Als sich Historienspektakel nicht mehr finanzieren ließen, fand Heston eine neue Heimat im zivilisationskritischen Science-Fiction-Film: „Planet der Affen“ (1968), „The Omega Man“ (1971) – soeben mit Will Smith als „I Am Legend“ neuaufgelegt – und „Soylent Green“ (1973) wurden nicht zuletzt durch seine Mitwirkung zu unerreichten Klassikern des Genres.

Überhaupt war für Heston das Gesamtkonzept eines Films immer wichtiger als seine eigene Rolle. Für Orson Welles' Thriller „Im Zeichen des Bösen“ (1957) und Sam Peckinpahs Western „Major Dundee“ (1965) machte er sogar unbezahlte Überstunden. Und wagte sich bis zuletzt an unbeqeme Stoffe – so übernahm er für „My Father, Rua Alguem 5555“ die Rolle des dahinsiechenden Josef Mengele. Am Sonnabend ist Charlton Heston 83-jährig in seinem Haus in Beverly Hills gestorben.

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