Nachruf : Sänger Sky Saxon ist tot

Vom Punk zum Hippie: Zum Popstar ist Saxon, der jetzt in Austin, Texas an Herzversagen starb, nicht geworden. Aber zu einer Legende.

Christian Schröder
284651_0_8233f13e.jpg
Sky Saxon, Ende 2008

Derbheit, so befand der Kritiker Lester Bangs, sei „das wahrhaftigste Kriterium des Rock ’n’ Roll“. Je härter das Gedröhne und Gekrache, desto mehr Spaß habe der Hörer an einer Platte und desto länger höre er sie. An derlei Derbheit konnte es in den mittleren sechziger Jahren kaum ein Song mit den Seeds und ihrem Hit „Pushin’ Too Hard“ aufnehmen. Unterlegt mit blubbernden Rhythmen und dem Gefiepe einer Orgel beklagte sich der Sänger Sky Saxon über eine Frau, die einfach zu viel Druck aufbaue. Er aber wolle nur eins: frei sein. „Well all I want is to just be free/Live my life the way I wanna be/But you’re pushin’ too hard on me.“

Zum Popstar ist Saxon, der jetzt in Austin, Texas an Herzversagen starb, nicht geworden. Aber zu einer Legende. Der Mann mit dem kindlichen Gesicht unter dem Pilzkopf trat in Fernsehshows wie „American Bandstand“ mit einem Zaubererumhang auf und tanzte wie besessen. Die Seeds, die der Bassist, Sänger und Songwriter Saxon 1965 in Los Angeles gegründet hatte, wurden von Muddy Waters als „Amerikas eigene Rolling Stones“ gepriesen. Sie kreierten eine frühe Punkvariante des Rhythm ’n’ Blues, beim Aufbranden der Hippiewelle besangen sie den „March Of The Flower Children“ und empfahlen: „Travel With Your Mind“. Jack Nicholson, der damals sein Handwerk beim Billigfilmer Roger Corman lernte, drehte 1968 mit ihnen den Film „Psych Out“, der einem Hippie-Mädchen ins Drogenparadies von San Franciscos Stadtteil Haight-Ashbury folgt.

Sky Saxon – bürgerlicher Name: Richard Marsh – wurde in Salt Lake City geboren, wahrscheinlich 1937. „Alter und Jahreszahlen sind irrelevant“, fand er. In den frühen sechziger Jahren veröffentlichte er als Little Richie Marsh Doo- Wop-Popsongs, seine Bands The Soul Rockers und The Electra Fires blieben erfolglos. Doch schon die Debütsingle der Seeds, 1965 erschienen, wurde ein Klassiker. „Can’t Seem To Make You Mine“, schmachtet Saxon da einer Angebeteten hinterher, und sein stoßseufzerartig heulender Gesangsstil inspirierte später Stars wie Iggy Pop oder Billy Corgan von den Smashing Pumpkins. Nachdem 1967 ihr psychedelisches Album „Future“ herauskam, waren die Seeds Headliner bei Auftritten mit den Doors, Byrds oder Diana Ross und den Supremes. Doch den kommerziellen Durchbruch schafften sie nie. In den siebziger Jahren schloss sich der Sänger der Hippie-Sekte Source Family an und nannte sich seither Sky Sunlight Saxon. Er war ein Erleuchteter. Sein letztes Konzert gab er am Samstag, fünf Tage vor seinem Tod. 

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben