Nachruf : Starautor der Postmoderne: Gilbert Adair

Ein Dandy des Dekonstruktivismus, der Krimis im Stil von Agatha Christie schrieb: zum Tod des schottischen Schriftstellers Gilbert Adair.

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Foto: Hans Günther Contzen/C.H. Beck
Foto: Hans Günther Contzen/C.H. BeckFoto: Hans Günter Contzen

„Well“. Ein einziges Wort von Gilbert Adair genügte, um eine deutsche Buchhandlung mit dem Grün der englischen Wiesen zu erfüllen. Adair sprach, obwohl er Schotte war, ein so schönes britisches Englisch, dass er bei seinen Lesungen auch noch als Parodist das Goldene Zeitalter des angelsächsischen Kriminalromans wiedererweckte. 1967 zog der gebürtige Edinburgher nach Paris, wo er nebenbei als Journalist und Englischlehrer arbeitete und sich von der damaligen Aufbruchstimmung inspirieren ließ. Davon zeugen „The Dreamers“, von Bernardo Bertolucci verfilmt, und der homoerotische Entwicklungsroman „Buenas Noches, Buenos Aires“ (2004). Dem Roland-BarthesAnhänger Adair gelang es auch, George Perecs Roman „La disparition“, der kein einziges E enthält, mit dieser Prämisse ins Englische zu übersetzen.

Schier unerschöpflich erschien die Originalität dieses Dandys des Dekonstruktivismus. Sich selbst verortete Adair zwischen Maigret und Magritte. Sein deutscher Übersetzer Jochen Schimmang taucht als „inzwischen lieb gewonnener Freund“ auf Seite 38 des Krimis „Und dann gab’s keinen mehr. Evadne Mounts dritter Fall“ (2008) auf. Darin reist Gilbert Adair als sein eigener Romanheld im September 2011 zu einem Sherlock-HolmesFestival ins schweizerische Meiringen, nahe den Reichenbachfällen.

Auch zwischen Adair himself und seiner Detektivin Evadne Mount kommt es vor der Wasserkulisse zum Showdown, denn Autor und Romanfigur können sich nicht mehr ausstehen. Evadne „Evie“ Mount, deren Scharfsinn ihrem Vorbild Miss Marple in nichts nachsteht, fällt ein vernichtendes Urteil über ihren Schöpfer: „Bei all Ihrer viel gerühmten und oft zur Schau gestellten ‚Liebe’ zum Genre sind Sie so ein elitärer Blender geblieben, dass Sie nicht nur die Kriminalliteratur selbst bevormunden und maßregeln müssen, sondern auch die, die sie lesen und schreiben.“

Konnte Gilbert Adair, mit „Liebestod auf Long Island“ und „Blindband“ als postmoderner Romancier berühmt geworden, nach solchen Vorwürfen überhaupt noch weiterschreiben? Man wird es nicht mehr erfahren. Er starb am Donnerstag in London an den Folgen einer Hirnblutung. Am 29. Dezember wäre er 67 Jahre alt geworden.

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